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Fäcker-Konstellation Eisenbahntraum Neurogermanistin Ärger mit dem Erwachen Laurentiustränen

Axel Schünemann

Eine Sache der Vernunft

(19.10.09, ca. 11.00 Uhr, beginnende Erkältung)

 

Gegen Ende eines nicht in Gänze erinnerten Traums sehe ich im Vorbeigehen an einem Gebäude, das im Hinterhof einen Bordellbetrieb beherbergen soll, durch die offene Tür in einem Saal den steinalten Ernst Jünger links neben einem Moderator, den ich als Dietmar Kamper identifiziere.

Kein Publikum ist zu sehen, nur ich stehe jetzt in der Tür. Jünger merkt das aber nicht, blickt hier und da in die leeren Reihen, er ist offenbar erblindet.

Ich gehe weiter, höre aber noch, wie Jünger launisch bemerkt, es könne gut sein, dass die kommunikative Vernunft bei Habermas nur dazu diene, außerehelichen Sex zu legitimieren, Lust sei in der Theorie des kommunikativen Handelns nur eine Sache der Vernunft.

Ich gehe zurück und setze mich, damit Jünger wenigstens einen Zuhörer habe, auf den ersten Sitz rechts am Eingang.

Jetzt erst sind weitere Zuhörer zu sehen, die alle in der letzten Reihe an der Wand sitzen.

Eine junge Frau, offenbar eine "neue Feministin", stellt eine Frage an Kamper, der meinem Blick hinter einem Overheadprojektor teilweise verborgen ist und mit Vollbart sich gar nicht ähnlich sieht. Die Frage betrifft das Ansinnen genealogischer Philosophie.

Kamper kann nicht recht antworten und die Frau bringt ein Beispiel: "Wie kann es etwa sein, dass vernünftige Menschen ihre Kreditkarten, die ihre Subsistenz ausmachen, offen im Garten liegen lassen, nichts dabei finden und dem Risiko des Verlusts völlig gleichgültig gegenüberstehen? Was sagt die Genealogie zu solchen Szenen?" Dieses Bild verwaister, den Angriffen diebischer Elstern oder des Windes preisgegebener Kreditkarten auf billigen weißen Gartenplastiktischen kann ich wirklich sehen, dann aber springt das Bild zurück zum Projektor und von dort zur Fragestellerin.

Sie geht zur rechten Fensterfront, wo sie auf die mit Topfblumen geschmückte Fensterbank steigt. Sie geht nach vorne, wo ein weißhaariger Japaner (oder der plötzlich verjüngte Jünger?) steht. Dieser Vorgang ist so faszinierend – die junge Dame ist nämlich dabei auf Barbie-Größe geschrumpft –, dass ich von Kampers Antwort nur den unvermittelten Schluss mitbekomme: der Geldschein (und also auch die Kreditkarte), da wäre schließlich die Mutter angesprochen.

Ich frage nun selber, wo denn da die Tochter geblieben sei, die müsste doch mediengenealogisch mitgedacht werden und Kamper bejaht dies, ohne noch etwas dazu zu sagen.

Der Japaner bedeutet der Frau, dass sie zurückgehen kann, macht aber ungalant keine Anstalten, ihr von der für sie nun viel zu hohen Fensterbank zu helfen.

Hinter Kamper erscheint links eine weitere Frau, die nunmehr moderiert. Jünger ist unterdessen verschwunden. Die neue Moderatorin erblickt mich mit meinen tränenden Augen und laufender Nase und sagt: "Oh, da ist es aber kalt!" Mit einem Taschentuch vor dem Gesicht und unangenehm berührt endet dieser Traum. (Leider nicht auch der Schnupfen.)

Gegen
Ende eines nicht in Gänze erinnerten Traums
das drohende Verschwinden des gerade erst etablierten, sich selbst unterhaltenden Gedächtnisses
sehe ich
im Vorbeigehen an einem Gebäude,
in dieser Bewegung vorbei an der als Gebäude geträumten Schlafhülle (Weckungsflucht an der dinghaften Selbstdarstellung des Traums vorbei in Richtung des geflohenen Erwachens), die als diese steingewordene Blicksperre zugleich den Blick abweist = das gewünschte Traumbild einerseits traumsichernd verbirgt, so sich als Zensur zu sehen gibt,
das im Hinterhof einen Bordellbetrieb beherbergen soll,
und andererseits durch diese visuelle Krisis der Verbergung die traumbedrohende Frage nach dem Wunsch aufwirft, die Frage, was und warum dieses dahinter/darinnen verborgen sein muss, und ein weiland Gehörtes erinnert: dort sei ein Bordellbetrieb,
durch
die offene Tür in einem Saal
den Übergang in dieses Gehüllte, das geteilt ist in den weiterhin abgesperrten Hinterhof-Tiefschlaf-Betrieb und den Intellektuellen-Traumschlaf-Saal (Erwachens-Entree),
den steinalten
der die Möglichkeit stabiler Dauer auf die Bühne bringt, (versus Erstarrung und versus Bewegung) personifiziert als
Ernst Jünger
– Ernst = seriös = kein Hirngespinst, kein bloß Geträumtes; Jünger = Adept dieser geträumten Selbstverleugnung des sich träumenden Traums ("magischer Realismus") –,
links neben einem Moderator, den ich als
der aus meiner Sicht zur passiv-memorialen Seite eines alle möglichen Erwachensdrohungen durch fortträumenden Ausgleich abwendenden Vermittlers sitzt, den ich als
Dietmar Kamper
identifiziere.
so lese: Diet Mar = diese Mär = dieser Traum; Kamper = Camping = Lager (Traumschlafstätte) und, intellektuell: campus = akademisches (Schlacht-)Feld.
Kein Publikum ist zu sehen, nur ich stehe jetzt in der Tür.
Diese Szene ist nur für mich, Privatissime des Träumens; nur ich bin Publikum meines Traums, was mich aber gar nicht besonders interessiert.
Jünger merkt das aber nicht, blickt hier und da in die leeren Reihen, er ist offenbar erblindet.
Der Traum merkt aber diesen Leerlauf, seine Selbstreferenz, nicht. Stattdessen geriert sich der geträumte Andere so, als säßen dort weitere Andere. Der Traum ist für sein eigenes Wesen anscheinend blind (ich sehe nicht, dass Jünger sieht, was ich nicht sehe).
Ich gehe weiter,
in das Erwachen,
höre aber noch, wie
Jünger launisch bemerkt,
das Geträumte hinter mir her hämt (weckrufend vom Erwachen rückruft),
es könne gut sein,
dass die kommunikative Vernunft bei Habermas
dass diese Vorstellung,
der ich anhing, als ich ein Publikum sehen wollte (und mich darüber hermachte, dass der Traum, dass Jünger, angeblich nicht sieht, dass er keins hat):

dass es überhaupt schon nur einen Anderen = Nichtgeträumtes gebe,

dass die Wahrheit nicht die eines geträumten Subjekts (die eines vor leeren Rängen redenden Jüngers) sei, sondern intersubjektiv, gesellschaftlich, also im Wachen, verhandelt werde,

und dass die Anerkennung dieser sozialen kommunikativen Basis von Wahrheit vernünftig sei, dass also diese Sphäre des Gesellschaftlichen, zu der das Erwachen aus dem nicht-sozialen (?), nicht-kommunikativen (?) Traum hinführt, die zugleich die Sphäre des Realen und der Wahrheit des Realen als dieses dann ist,

nur dazu diene,
außerehelichen Sex zu legitimieren,
die dinglich-mediale und homophob-homosexuelle Enteignung des Träumens zu legitimieren,
  • dinglich-medial: insofern außerehelicher Sex (nicht gemeint war Sex ohne jeden Bezug zur bürgerlichen Institution der Ehe) seine ihm gemäßen Medien = Orte der Vermittlung braucht: Bordell, Swingerclub, Stundenhotel und dergleichen als halb öffentlich/halb privater Traumerfüllungsort, nebst der obligaten Differierung der Erfüllung;
  • homophob-homosexuell: insofern außerehelicher Sex (da capo: nicht gemeint war Sex ohne jeden Bezug zur bürgerlichen Institution der Ehe), ob nun als Bordellbesuch oder als Seitensprung, aus männlicher Sicht (und es ist ja ein Traum eines Mannes) in das Verhältnis zur Frau (homosexuell:) den anderen Mann, diesen aber (homophob:) nur als phantasmatischen Dritten einführt: sei es in Form ihres Ehegatten, sei es in Form anderer Freier (die Frau als Medium),
Lust sei in der Theorie des kommunikativen Handelns nur eine Sache der Vernunft.
die körperlich genossene selbstreferenziell aufgeladene Anderen-Referenz sei in der bloß geträumten Vorstellung des scheinhaft wachen Bezugs auf den Anderen nur eine Sache der Einräumung zweckrationaler Bedingtheiten des Menschen, Körper sei in der Theorie der intersubjektiv verhandelten Wahrheit nur ein Tauschobjekt für (mindestens zwei) Geister.
Ich
gehe zurück und setze mich,
nehme meinen Anteil an der weckungs-fliehenden Erwachensbewegung zurück,
damit Jünger wenigstens einen Zuhörer habe,
um dem Traum die Gelegenheit zu geben, sich zu meiner Unterhaltung an seinem Spiel intellektueller Selbstverulkung zu verschlucken,
auf den ersten Sitz rechts am Eingang.
in vorsichtiger Besetzung des Traum-/Erwachens-Übergangs, an der aktiven Seite (mindest für Rechtshänder), "auf dem Sprung".
Jetzt erst sind weitere
Zuhörer zu sehen,
das Träumen verleugnende (Realität/Entzug behauptende) Andere (Realität, Nicht-Traum als deren entzogenes Für-sich), passiv Hörende = verlautend Entzogene = Sicht-schützende, zu sehen,
die alle in der letzten Reihe an der Wand sitzen.
von denen keiner mir die Sicht auf die Bühne und damit die Sicht auf das Traumbild versperrt.
Eine junge Frau,
Jüngers rebellische Tochter,
offenbar
eine "neue Feministin",
eine personifizierte Selbstspaltungsdarstellung des sich als Realität behauptenden Traums – spaltungsdarstellend als "neue Feministin", als eine Position, die die Frage, wer schuld daran sei, dass das Patriarchat in vielfältigen Formen fortdauere, nur ein kleiner Teil der Frauen ökonomisch emanzipiert ist, mit Selbstkritik beantwortet: es seien die jungen Frauen, die die Emanzipation als etwas Selbstverständliches träge hingenommen hätten, statt weiter an der Realisierung feministischer Rettung der Gattung zu arbeiten –,
stellt
eine
diese
Frage an Kamper,
der meinem Blick hinter einem Overheadprojektor teilweise verborgen ist
vor dessen Gegenblick,
der ihn
als mich Erkennenden
in mir zum sich selbst
als Traum, als etwas völlig Nichtiges, Subjektloses und nur von mir Halluziniertes,
durchschauenden Untergang des Verhältnisses
und so
in die Not schreiend-suizidaler (weil weckender) Selbsterhaltung treiben würde,

ich durch die dingliche Selbstdarstellung des Traums als ein Projektionsvorgang (traumgemäß nur teilweise) abgeschirmt bin,

und mit Vollbart sich gar nicht ähnlich sieht.
wie auch ein möglicher Aufschrei Kampers durch seinen Bart, der ihn als geträumten vom weiland realen Kamper unterscheidet (tatsächlich meine ich, Kamper habe sich, wohl unter dieser Gegenblick-Overhead-Schrei-Phantasmatik in Jochen Hörisch [sprich: hör ich] verwandelt, was ich wohl identifikatorisch nicht zulassen wollte?).
Die Frage betrifft
das Ansinnen genealogischer Philosophie.
das Begehren des Sich-Träumens des Gedächtnisses, den Sinn des memorialen Selbstbezugs.
Kamper kann nicht recht antworten
Eben wegen der Selbstreferenz des Repräsentierens selbst, der Verdoppelung der Welt durch ihr Zeichen als Garantierung des Weltverhältnisses, kann auch der Traum als ein Repräsentationsgeschehen nicht unvermittelt über sich reden, schon gar nicht über das eigene Begehren, dessen passagere Realisation er als Identität des Nicht-Identischen (Identität des geträumten Irrealen und des realen Träumens) ist und als Nicht-Identität des Identischen (die Spaltung eben in das Irreale des Geträumten und das Reale des Träumens) gar nicht sein kann, er muss über sich als über etwas anderes reden und so aber verfehlt er sich, kann sich nicht als mit sich identisch zur rechten Antwort, zur rechten Übereinstimmung bringen
und die Frau bringt
ein Beispiel:
einen Traum im Traum:
"Wie kann es etwa sein, dass
vernünftige Menschen

ihre Kreditkarten, die ihre Subsistenz ausmachen, offen im Garten liegen lassen, nichts dabei finden und dem Risiko des Verlusts völlig gleichgültig gegenüberstehen?

ansonsten wache und kommunikative Menschen (sie muss bei Habermas studiert haben)
  • überhaupt träumen?,
    • ihre Tagesreste, die ihr Sein als Auftrag ihrer intersubjektiven Identitätsfortschreibung ausmachen, dem nur sich mit sich selbst beschäftigenden Traum überlassen?
    • und das Risiko des Erwachens und vor allem des Vergessens dieser dann nicht einmal subjektiven Bearbeitung intersubjektiver Konflikte völlig indifferent weiter träumend ignorieren?
Was sagt die Genealogie zu solchen Szenen?"
Dieses Bild verwaister, den Angriffen diebischer Elstern oder des Windes preisgegebener Kreditkarten auf billigen weißen Gartenplastiktischen kann ich wirklich sehen, dann aber springt das Bild zurück zum Projektor und von dort zur Fragestellerin.
Als visuelle Bannung der gehörten Beschreibung dieses Traums im Traum erwägt sich der Einschub als mögliche Verschiebung zu einem ganz anderen Traum und, weil dieser ganz andere Traum auch das Erwachen sein könnte, wird dann aber als dubios verworfen: billig, aus Plastik, also nicht sehr stabil, irgend ein Luftikus (Elstern und Wind),
Sie geht zur
rechten Fensterfront,
seit Parmenides männlich-fillialen Seite, an der das Erwachen zur Außenwelt hinter Glas abgeschirmt ist,
wo sie auf die mit
Topfblumen geschmückte Fensterbank steigt.
pflanzlichen = schlafenden Realismuseinsprengseln (zum Zweck der Bannung der nachfolgenden Absurditäten) abgesicherte Erwachensgrenze steigt.
Sie
geht nach vorne, wo ein weißhaariger Japaner (oder der plötzlich verjüngte Jünger?) steht.
versucht, entgegen dem Uhrzeigersinn das unvermeidliche Erwachen durch Besetzung zu verhindern, das aber schon besetzt ist durch eine Wache, durch Kodex, Tradition, Ritual (dafür steht wohl der ältere Herr aus dem Land der aufgehenden Sonne).
Dieser Vorgang
ist so faszinierend – die junge Dame ist nämlich dabei auf Barbie-Größe geschrumpft –, dass ich von Kampers Antwort nur den unvermittelten Schluss mitbekomme:
vermag die jederzeit drohende lautliche Weckung durch Kampers Rede abzuwenden, indem die magische Potenz dieser Szene aus der Depotenzierung des Körpers der Feministin gezogen wird, zu der Kamper die stimmliche Begleitmusik, die nur als Stimme und nicht etwa durch das überhörte Gesagte den Frauenkörper verdinglichend aufzehrt, ohne dass das Finale des Gesagten als Bedeutung Frau wiederherzustellen vermag.

(Soll in etwa heißen: Die Schrumpfung des weiblichen Körpers repräsentiert das männliche Überhören der Weckung.)

der Geldschein (und also auch die Kreditkarte),
das Medium der Verheißung der Quantifizierung als Wahrung der Möglichkeit künftiger Verschiebung,
da wäre schließlich
die Mutter angesprochen.
der Ursprung aus dem ganz andern, dem Tiefschlaf, dem (in dieses Medium, den Traum, eingeopferten) Körper, dem, was da gerade als Schrumpfung repräsentiert wurde, angesprochen.
Ich frage nun selber,
wo denn da die Tochter geblieben sei,
wie der Traum sich als Opfer des mütterlichen (Tiefschlaf-)Körpers verstehen kann, wenn doch die Frau, wenn auch mit geschrumpften Körper, da sei, sich da vorne als Traumbild präsentiert,
die müsste doch mediengenealogisch mitgedacht werden
deren Begehren, den Ort der Väter, die Bühne, zu besetzen, müsste doch traumlogisch (das heißt: im Verhältnis zum männlichen Begehren des Traums selbst) mitgedacht werden.
und Kamper bejaht dies, ohne noch etwas dazu zu sagen.
Der Traum verzichtet auf den Dissens (der Männer), der sowieso nur die Ratlosigkeit dieser innermännlichen Selbstbezugs-Überlastung durch streitende Weckung verdecken würde.
Der Japaner bedeutet der Frau, dass sie zurückgehen kann, macht aber ungalant keine Anstalten, ihr von der für sie nun viel zu hohen Fensterbank zu helfen.
Der Traumhüter zwingt die Frau, an dem Übergangsort zur geträumten ("hinter Glas") Außenwelt zu bleiben, verhindert zugleich ihre Bühnenbesetzung (Körpererwachen) und ihren Abgang (Wegschlafen).
Hinter Kamper erscheint links eine weitere Frau, die nunmehr moderiert. Jünger ist unterdessen verschwunden.
Er verhindert aber nicht, dass sie nach einem entzogenen Flankenmanöver als toughe intellektuelle Frau aus dem Bordell im Hinterhof hervortritt und den Traum von den ratlosen Genealogen, die nicht wissen, wie der Traum fortzuführen sei, übernimmt.
Die neue Moderatorin
Die zur Domina mutierte Retterin des Traums
erblickt
mich
und erkennt mich und sich
mit meinen tränenden Augen und laufender Nase
mit meinem realen schlafenden, nun aber erwachenden Erkältungs-Körper
und sagt:
"Oh, da ist es aber
kalt!"
wach!"
Mit einem Taschentuch vor dem Gesicht und unangenehm berührt endet dieser Traum. (Leider nicht auch der Schnupfen.)
Der Interpret/Träumer September 1989 am Bodensee bei der Lektüre von "Erkenntnis und Interesse".
Inhalt Texte Partituren Bibliografie Impressum
Fäcker-Konstellation Eisenbahntraum Neurogermanistin Ärger mit dem Erwachen Laurentiustränen