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Laurentiustränen Eisenbahntraum Eine Sache der Vernunft Ärger mit dem Erwachen Neurogermanistin

Axel Schünemann

Fäcker-Konstellation 

Anruf von einem dubiosen Vertriebsleiter einer lokalen Werbezeitung. Ich soll in einem anderen Stadtteil vertretungsweise das Blatt austragen. Am Nachmittag sollte ich ihn zurückrufen, um den genauen Standort der Abladestelle zu erfahren. Dies habe ich wohl irgend verpasst, denn es ist bereits Abend und ich erinnere nur noch, dass ich meinem Vater, der mir angeboten hatte, mich dorthin zu fahren, erkläre, dass die Zeitungen irgendwo in der Fäckerstraße abgelegt sein müssen. Der Blick in den Stadtplan führt zu keinem Ergebnis. Diese Straße soll aber genau unter der Fäcker-Konstellation am Nachthimmel, einem Sternbild aus fünf Sternen, die ein gleichseitiges Dreieck mit einem Seitenarm bilden, liegen. Der Blick in den Himmel zeigt ein ähnliches Gebilde, das ich mit einem fingernagelgroßen Plastikmodell vergleiche. Unsicher, ob es sich um diese Konstellation handelt, halte ich das Plastikmodell meinem Vater so vor die Augen, dass Original und Modell zur Deckung kommen. Leider kann er, mittlerweile fast erblindet, nichts erkennen. Erwachen, halb im Zorn, dass man immer diese Vertriebsleute zurückrufen soll, halb im belustigten Bewusstsein, dass es deshalb wohl Ficker-Konstellation hätte heißen sollen.

Anruf. Eine der zahlreichen Möglichkeiten, den entzogenen Auszug aus dem klangdominierten Tiefschlaf in den bilddominierten Traumschlaf, die Unmöglichkeit des genauen memorialen Festhaltens des Moments des Übergangs in das Dabeisein als das innere Weltverhältnis nachträglich rationalisierend zu deuten.

Grob lassen sich Träume wohl in diese beiden Kategorien vorsortieren: der Anfang mit einem zu großen, erhabenen Bild, einer Landschaft oder einem großdimensionierten Objekt mit der Tendenz, sich träumend auf die (ihrer selbst unbewussten) Suche nach dem sonantischen Ursprung der Szene zu machen, oder der Anfang mit einem zu kleinem, noch nicht etablierten Bild, das erst zu sich kommen muss, indem der sonantische Ursprung als bereits gewusste Deutung irgendeine Aufgabe dem Traum vorgibt.

Selbstverständlich ist auch eine kompensatorische Kontamination, ein erhabenes Zuviel des Traums aus einem abgewehrten Zuwenig heraus, möglich.

Dieser Traum fällt jedenfalls in die zweite Kategorie einer unzureichenden Bildlichkeit, kompensiert als vorgestellte Verlautung, als Anruf mit bildforderndem Arbeits- und Rückrufsauftrag. Ob diese durchgehaltene Labilität der Bildlichkeit sich einem unzureichenden Weckreiz oder umgekehrt der Überkompensation eines zu starken Weckreizes oder aber einem zu starken Schlafdruck verdankt, muss dabei offen bleiben. Die Kürze des Traums spricht eher für den starken, der Inhalt aber, der beim schlafensverführerischen (spät)abendlichen Nachthimmel endet, eher für den unzureichenden Weckreiz (beziehungsweise dem hohen Schlafdruck).

Eine Banalität: dass jeder Traum immer auch seine eigene Deutung nicht bloß mitliefert, sondern bereits ist: die identifikatorische Leistung des allnächtlich leerlaufenden Gedächtnisses. Sie bildet sich hier selbst ab, indem einige antiquierte Medien als Gedächtniskrücken ausgekramt werden: die gedruckte Zeitung, ein (gedruckter) Stadtplan, und nahezu urzeitlich: die Orientierung nach den Sternen, die Navigation mittels eines Mini-Sextanten aus (wohl gelblichem) Plastik, dem Sternbild, dass ihn parodiert, nachgebildet (hysteron-proteron-Problem). Dagegen mag das Telefon noch nicht antiquiert scheinen; es teilt indessen mit den anderen zitierten Medien deren gestörtes Funktionieren, das den gestörten Traumanfang fortsetzt.

Dieses eine Wort, Anruf, ist missverständlich. Der freien Erinnerung nach gab es keinen Anruf, sondern nur das Bewusstsein, dass es einen Anruf gegeben haben muss. Deshalb die Forderung des Rückrufs, der zunächst nur als Forderung einer zweiten ordentlichen Weckung in den Traum, eben zum Zweck der weiteren Anweisung, was nun genau zu träumen sei, zu verstehen ist. Nur dass eine zweite Weckung immer die finale aus dem Traum heraus sein müsste, zumal, wenn es sich um die bildlose Stimme, gar auch noch eine des Befehls, handelt, so dass man nun nicht mehr wissen kann, ob dieses nun zur Weckung oder zur Fortsetzung des Traums führen wird. Genau das macht zusammen mit der nachträglichen Identifizierung des Anrufs das zitierte Dubiose des Anrufers aus. Aus dem gleichen Grund ist auch der Rückruf bereits verpasst.

Auch versteht sich so die spätere Blindheit des Vaters, der, wenn ich diese Lücke im Rapport richtig rekonstruiere, den Anruf entgegengenommen hatte: Blindheit nämlich als genaue Bebilderung des Anrufens, der (technisch freilich antiquierten) Reduktion des Anderen auf seine Stimme.

Das Zeitungsaustragen ist allerdings ein Problem. Zwar verheißt es dem Traum die Dauer dieser Betätigung in Form einer visuellen Memoria des betroffenen Stadtteils, wohl das funktionale Kriterium dieser Auftragswahl, schickt ihn aber zugleich in eine von hoher Unflexibilität geprägte Bewegung der Abarbeitung. Zudem kommen beim Abarbeiten Gedanken und das führt in den heiklen Deutungs-Konflikt von Traum und Träumer, dessen Deutungshoheit also durch irgendwelche Störungen abgewehrt werden müssen. Störungen aber sind stets auch (mindest drohende) Weckungen.

Sodann müssen als das Immergleiche der Zustellung Häuser und Hauseingänge ständig neu geträumt werden, ein weiterer Konflikt und ein sehr hoher Verschiebungsaufwand für eine Flucht ohne Verfolger.

Sodann der Vorgang der Zustellung im Detail: Die Zeitung muss angefasst und gerollt oder gefaltet werden. Die Haptik aber, eine Inkorporierung des paranoischen Verhältnisses, ist ein Feind der visuell traumsichernden Abständigkeit (womit aber nicht geleugnet sei, dass gerade dieser Sinneskanal unter der Bedingung des Ausfalls der Visualität deren Funktion übernehmen kann).

Auch muss die Zeitung in einen Briefkasten oder in eine Röhre eingeführt und dort hinterlassen werden, welcher Vorgang der psychoanalytisch geschulten Phantasie keine Schwierigkeiten seiner sexuellen Interpretation (einwerfen = penetrieren und hinterlassen = sich-selbst-kastrieren als masochistisch-magische Abwehr) bereitet, die folglich zur nämlichen Deutung des Sternbilds verführen wird.

Das Hinterlassen der Zeitung führt zum Problem des Objektschwunds: Mit jeder ausgetragenen Zeitung schrumpft das Zeitungspaket. Damit sieht der Traum buchstäblich auf sein Schicksal, das er aufschieben wollte und als Arbeitsprozess herbeiführt. Soll ich im Traum Zeitungen austragen, was ab und an vorkommt, so wird fast alles aufgeboten, um schon den Anfang der Arbeit zu verhindern.

So handelt es sich bei diesem Traum wahrscheinlich auch um einen ersten Reflex auf die eleatische Provokation.

Konkret geschieht diese Verhinderung im Entzug des Startpunkts der Bewegung. Unmöglich ist es (eine der Pointen der ersten zenonischen Paradoxie), den Anfang von Bewegung in die vorwegnehmende Sicht zu nehmen.

  • (Noch vor aller Reflexion auf die disfunktionale Infinitheit der Vermittlungsbedürftigkeit von Bewegung dürfte klar sein, dass schon rein sensuell der Ursprung der visuellen Vorwegnahme der Bewegung als eine räumlich vermittelte, dass also der Ursprung der Vor-Sicht des sich bewegenden Subjekts selbst, sich selbst wird niemals sehen können.)

Anstelle der unreflektierten Bewegung auf ein Ziel hin setzt sich die Bewegung ihrer schrittweisen Vermittlung als ihre Verhinderung. Dieses betrifft sowohl die Unmöglichkeit des Austragens selbst als auch die Unmöglichkeit, die Tätigkeit überhaupt aufzunehmen, denn der Startpunkt ist ja selbst bereits das anvisierte Ziel. Welche Verhinderungsgroteske das aktuale Ungleichgewicht von Weckung und Schlaffortsetzung zum Austrag bringt.

Das Ziel aber beginnt nun sich phantasmatisch zu bewegen. (Die zweite zenonische Paradoxie, der Wettlauf des Achill mit der Schildkröte. An die dritte Paradoxie, "der fliegende Pfeil steht", mahnt als konkretistischer Witz die Konstellation.)

Denn wenn schon die Fäckerstraße genau unter der Fäcker-Konstellation sich befinden soll, so muss sie, wie die Konstellation am Himmel über ihr, alle 24 Stunden einmal um den ganzen Globus wandern. (Demnach handelt es sich um den vielgerühmten Weg, den Parmenides seinen nächtlich träumenden Jüngling befahren lässt: "der über alle Stätten den Erleuchteten wegträgt". So dass man nirgendwo ankäme, wenn es da nicht das andere Geschlecht gäbe, nur dass dieses andere [bei Parmenides gar auch noch göttliche] Geschlecht rettend im Dienst der patriarchalen Ordnung steht. Und so kann die Sache auch gleich nur unter Männern, unter Vater und Sohn und abwesendem Dritten, abgemacht werden.) In 24 Stunden um die Welt: so wird das Lokalblatt zur Globalzeitung, global aber bedeutungslos.

Der Papi wirds schon richten: Allerdings war mein Vater schon Jahre vor diesem Traum verstorben. So gliedert er sich in die herbei zitierten nostalgisch-obsoleten Medien ein.

Wieso nun seine Auferstehung von den Toten? Tatsächlich fiel weiland das Ende des hier nachgeträumten Arbeitsverhältnisses mit dem Anfang der zum Tode führenden Erkrankung des Vaters zusammen. Und wie das so ist: Tritt der Tod naher Verwandter und wichtiger Freunde in dein Leben ein, so resultiert, ganz ähnlich wie wenn ein Kind geboren wird, eine Neubewertung dessen, was im Leben wirklich wichtig ist. (Die geträumten Zeitungen wären es nicht, aber ...)

  • Ein Moment dieser geträumten Auferstehung meines Vaters, durchaus eine freudsche Wunscherfüllung: aber das ist nicht nur keine hinreichende Erklärung, sondern die Wunscherfüllung geschieht, wie eigentlich immer, als ödipaler Erfüllungsbetrug, wie sich sofort zeigt.

Denn freilich wird man auch die unquittierbare Ödipalität des Träumers (letztlich aller träumenden Männer) veranschlagen müssen, die sich ganz verdeckt im Kurzschluss von Vormittag, hier versichert sich der Traum, dass er den ganzen Tag vor sich hat, und Abend, hier versichert sich der Traum, dass er noch die ganze Nacht währen kann, über den verpassten Nachmittag hinweg, zu vollstrecken droht: als geträumtes Einschlafen.

Einschlafen aber ist nicht konkret bildlich träumbar, logisch: wegen der aufkommenden Bildlosigkeit, die sich allerdings darzustellen vermag (am Telefon: es wurde nur gehört, aber das ist schon vorbei; im Stadtplan: die Straße wurde nicht gefunden; schließlich als väterliche Blindheit) und so das Einschlafen als ein disfunktionales Moment erwägen und verhindern kann.

Dieses Ansinnen der dargestellten Quittierung der Rücksicht auf Darstellbarkeit muss zusammen mit dem sich darin ausdrückenden Unbedingtheits- und Unbedürftigkeitsbegehren unbedingt (!) verhindert werden.

Wenn nun zu diesem Zweck der Vater aufersteht, um den Sohn zur (Traum-)Arbeit und weg vom süßen (Tiefschlaf-)Lotterleben im Hotel Mama zu treiben, so tritt er allerdings als ein auf diese Funktion reduziertes selber ödipales Wesen auf: blind nämlich, als Verhinderungswesen noch seiner eigenen Funktion, die eh nur misslingend den Sohn, der ja längst schon traumarbeitet, nur noch weg vom süßen Traumleben in das Erwachen chauffieren könnte. (Geträumtes Autofahren ist nämlich von den gleichen Problemen gezeichnet, wie das Zeitungsaustragen. Wobei es selbstverständlich einen gravierenden Unterschied macht, ob ein routinierter Autofahrer oder ein Autophobiker von einer Autofahrt träumen.)

Das Aufkommen des Sternbilds verweist auf zwei sich zusammenschließende Momente, einem subjektiv-biografischen und einem objektiv-traumlogischen. Subjektiv-biografisch verweist das Sternbild zurück in meine Kindheit, auf ein Hobby des Vaters: die Astronomie. Objektiv-traumlogisch leitet sich das Sternbild indessen wie folgt ab:

Die Zeitungen und also der Startpunkt für die Bewegung, die vom Anruf her geträumt werden soll, befinden sich irgendwo, sie sind abwesend, der Sicht entzogen.

  • (Dieser entzogene Startpunkt ist das Ziel und als dieses die sich selbst veralbernde Verheißung, quasi schon beim Anfang des Traums träumend dabei zu sein, eine Reaktion auf den nachträglich registrierten Anruf, wohingegen der Traum ja längst schon ist.)

Die dem unterstellten Anruf entnommene Vorstellung der Wirklichkeit des Startpunkts ist aber geträumt.

  • (Der Träumer wusste dieses nicht, doch ist das auch unnötig. Es würde das Phänomen Traum ja gar nicht geben können, wenn nicht zwischen Traumunbewusstem und Subjekt ständig über den Grad der Luzidität des Traums, darüber, wie klar oder wie verschwommen der Träumer sich darüber sein darf, dass er träumt, gestritten würde. Ganz ohne Luzidität würde man sich nie an einen Traum erinnern können. Die reine Luzidität aber würde das Phänomen in ein anderes verwandeln: in den Tagtraum.)

Geträumt heißt: nicht wirklich, sondern bloß vorgestellt, bloß unterstellt.

Es handelt sich also um ein Simuliertes, ein Gefälschtes, um Betrug, um ein Fake. Die Zeitungen liegen demnach in einer gefakten Straße, also in der Faker Street = Fäckerstraße.

Da es diese Straße aber nicht wirklich gibt, muss es sie stattdessen am Ort der Produktion des Fakes geben.

  • (Das Fake, das eine Straße erfunden hat, die es real, materiell, nicht gibt, muss ja selber ein Wirkliches sein, sonst wäre das Fake selber ein Fake und also kein Fake mehr. Denn "nicht wirklich" heißt immer auch: "wirklich nicht", das heißt, man bleibt im metaphysischen Begehren gefangen, repräsentieren zu können, was sich jenseits der Repräsentationen als deren Eigentliches verbirgt.)

Der Ort der Produktion des Fakes ist das Gedächtnis.

Gedächtnis basiert auf Abwesenheit = auf Vergessen (subjektiv) und Entzug (objektiv).

Abwesenheit bedarf der Erinnerung.

Erinnerung ist

  • unter der Kondition der Anwesenheit die Identifikation
    unter der Kondition der Abwesenheit aber das sich wissende Fake, Anwesenheit der Abwesenheit eines Abwesenden.

Die memoriale Anwesenheit eines materiell Abwesenden ist die Immaterialität. Das Erinnerte ist immer ein Immaterielles (die Idee).

Immateriell, das heißt nicht unbedingt "energetisch" und/oder "ohne materielle Substanz"; vielmehr: das Immaterielle ist das (weder energetisch noch materiell durch sich selbst, sondern immer in Bezug auf ein anderes) Vermittelte, vermittelte Abwesenheit.

Der leere Raum zum Beispiel ist ein Immaterielles. (Jedenfalls bis auf weiteres.)

Die Fäckerstraße als ein Abwesendes muss erinnert werden als eine immaterielle Straße. Sie muss also im leeren Raum erinnert werden, am Himmel. Von dort her muss ein nicht subjektives = ein objektives = ein materielles Zeichen auf sie verweisen: das Sternbild, das den Namen der Straße tragen muss, die nach ihm benannt wurde.

Und so wird aus der Fäckerstraße – offenbar als Abwehr der Bewusstwerdung dieses Sachverhalts, dass Fäcker von fake kommt – die Fäcker-Konstellation, die selber sich als diese Ableitung so aufstellt, dass der Träumer von diesem Aufscheinen des Scheinhaften nicht noch eigens zur Reflexion genötigt, sondern zur weiteren Bewegung in der Immanenz dieses Absurden verführt wird.

Und es muss natürlich zur Entmächtigung des Vaters, auf dass die Autofahrt entfalle, dann auch ein solches Sternbild sein, das er weder erkennen noch kennen kann, wegen seiner Erblindung, vor allem aber, weil es ein nachträglich erfundenes, ein Privatsternbild des unterstellten dubiosen Anrufers ist.

Welch ein verrücktes Ding: ein weibliches Dreieck mit diesem fast schon obzönen Signifikanten an der Seite: Fäcker als eingedeutscher Komparativ nicht nur von fake, sondern, wie erwachend erfasst, ebenso von fuck. Nichts für ungut, aber alle astronomische Teleskopie ist dem Wesen nach, wie hier nachgebildet, höchst erhabener Himmelsporno: das Begehren, den Ursprung der Welt als die inzestuöse Hochzeit von Energie und Materie sichtbar zu machen, zu fassen. (Der geträumte Vater erblindet wohl auch deshalb daran, weil der reale dieses so nicht hätte sehen wollen.)

Der Fuck ist freilich der, dass es sich eben um ein Fake handelt. Das gefakte Sternbild ist ein Muckefuck, mangels weckender Substanz das Weiterschlafen verheißend und verkennend, dass der Mangel an Substanz für die Traumdauer das größere Malheur ist. (Freilich eine offene Frage, an deren Beantwortung aber alle Träume dieser Welt laborieren.) Dass die Immaterialität der Erinnerung unter der Kondition der Abwesenheit, also unter der Kondition eben der Immaterialität, die nämliche Immaterialität des Gedächtnisses nach sich zieht, dass Gedächtnis eben immateriell und also ein Nichtseiendes sei, das ist das eigentliche Fake. Der Fuck als dieses Fake exekutiert die ontologische Differenz von Sein und Seiendem zugunsten des Seins und deshalb dialektisch zu dessen Ungunsten.

Dieses phallische Dreieck (fragt sich nur, ob der Phallus der des Dreiecks ist oder der seiner magischen Bannung) kann nahezu multipel ausgedeutet werden, freilich dann irgend nichtssagend.

Zum himmlischen Dreieck kann etwa das metaphysische Auge Gottes assoziiert werden, der vernichtende Blick des einäugigen Anvisierens (vernichtet wird: das räumliche Sehen, die dritte Dimension, und damit die Marge zum Objekt, wie sie hier aber abgesichert wird: durch die Kimme des Modells). Der Seitenarm aber ist die Verhinderung des tödlichen Gegenblicks in Form der Ablenkung.

Und auch das mag gesehen werden können: das Telefon, mit Mikrofon aber ohne Hörer, als einarmiger Bandit, der betrügerisch (eben weil der Hörer fehlt) den Gewinn der Arbeit und also des Lohns verheißt. Quasi als die bildgewordene Anweisung, als Warndreieck mit heraustretenden Ausrufezeichen, mit der Faust drohend fuchtelnd, nur dass dieses ja erst durch das fingernagelgroße Plastikmodell, von dem nicht mehr klar ist, ob es vor oder nach dem Blick in den Himmel da war, sehbar gemacht wird, eine Lachnummer.

Dem ebenbürtig ist die Referenz auf die visuellen Medien: eine Kamera und/oder ein Projektor (beides wieder in nostalgischer Manier).

Vielleicht kann auch das gesehen werden: eine (Pardon für die deftige Formulierung:) Schwanzguillotine.

  • Was keine schmutzige Phantasie des Autors ist, sondern auf das Funktionsprinzip erstens aller männlichen Sexualität und zweitens der männlich-patriarchalen Dingproduktion verweist.

Wenn es sich um eine Kastrationsmaschine handelt – und so dieses nicht gesehen wird, muss es nicht zugegeben werden, wie auch die psychoanalytisch eingefahrene Sexualisierung keinesfalls unabdingbar ist, um auf die Pointe zu kommen, zu der sie führt (man muss sich auch nicht daran stoßen, dass in diesem Traum keine Frau vorkommt, man muss nicht, aber man kann) –, dann resultiert freilich nicht die Kastration selbst, sondern die Disposition darüber, die Aneignung dieser komischen Figuration durch das fingernagelgroße Modell und das ist das besagte Funktionsprinzip.

Kastriert aber wird durch die Konstellation die Gegenständlichkeit dieses Zeichens; abgeschnitten wird die Bezeichnung eines konkreten Dings, zugleich die Entmächtigung der Deutung als die Selbst-Entmächtigung des deutenden Traums (= des Gedächtnisses) und (beziehungsweise als) die Selbst-Ermächtigung des Gedächtnisses zur (Be-)Zeichnung genau dieses Vorgangs der Entziehung der Referenz.

So handelt sich zwar gerade nicht um eine Abbildung einer Kamera oder des Telefons oder sonst irgendwelcher Dinge. Jedoch können eben deshalb solche Dinge assoziiert werden, weil es sich um ein abstraktes Sternbild handelt, das, in alle Richtungen gleichermaßen offen/geschlossen, dieses selbst, seine Abstraktheit, Offenheit und Geschlossenheit, abbildet.

Es hebt sich jedoch nicht nur die konkret-fremdreferenzielle Bedeutung der Konstellation auf; auch ihre Funktion des Weisens auf den Ort, die Projektion, ist gestört. Das, worauf das Zeichen weist, droht durch sein Kleben am Zeichen dieses selbst zu befallen. Nicht zwar handelt es sich um einen Wegweiser, der selbst den Weg geht, den er weist, wohl aber um einen, der vor dem Weg, der an ihm klebt, wegläuft.

Weil die Objekt-Referenz selbstreferenziell abgeschnitten ist, wird das Zeichen verdoppelt durch das Zeichen des Zeichens, das Modell, das nun wiederum die Selbstreferenz der Konstellation als Fremdreferenz auf diese hin abdeckt. Die Kastration der Gegenständlichkeit zeigt sich in dem Modell, das ja nun als Modell auf ein anderes Reales verweist und in diesem Sinn die Selbstreferenzialität und Gegenständlichkeit indifferenziert. Das Plastikdouble als Sextanten-Parodie vermittelt, wie alle Vermittlung so ist, freilich nicht zum Nulltarif. Es wird nun der Weg zum Wegweiser gewiesen. Das ist die Vermittlung, die aber vom eigentlichen Ziel zenonisch ablenkt.

So kann final die Konstellation auch noch als Ausschnitt eben aus dem Stadtplan gelesen werden, an den Himmel versetzt aus Not der den Blick weckend fixierenden Miniaturisierung des Stadtplans, so dass die Erblindung des Vaters eigentlich die wegprojizierte des Träumers war, die sich doppelt reproduziert, zum einen, wie gesagt beim Vater, zum anderen als Miniaturmodell; ein Segment, das nur den Straßenverlauf wiedergibt und den Weg in sich selbst münden lässt, mit der einzig herausweisenden phallischen Sackgasse, die den einzigen Ausweg in das Erwachen als das Nichts markiert.

Denn alle gewiesenen Wege sind fatal. Etwa der Weg nach oben, fort von den Zeitungen in den leeren Himmel: das sofortige und den Göttern, den Sternen und den Satelliten vorbehaltene ewige Wachen; der Weg nach links unten, Ausweichen in die nächtliche Unterwelt: der Rücksog in den ewigen, der Erde, den Toten(göttern) und den Würmern vorbehaltenen Schlaf; der Weg nach rechts unten, Ausweichen in die den Göttlichen und den Medien vorbehaltene endlose Fortsetzung der Verschiebung; schließlich der Weg nach rechts oben, dies die dominierende Weisung in das Erwachen.

Eine geträumte Parodie auf Heideggers Geviert von Himmel, Erde, Göttlichen und Sterblichen, überboten als Gestell des Gefünfts?

Was aber ist dann das Fünfte?

Ist es als passagerer und überzähliger, ersetzbarer, in seiner Individualität stets schon genichteter, jedoch gänzlich unausgewiesen einziger Träger des vollen, seines Defizitären bewussten Weltverhältnisses, der Mensch? Der Mensch, der nicht einfach ein Sterblicher ist, der aber auch nicht einfach ein Göttlicher zu sein vermag?

Beides, Sterblicher und/oder Göttlicher kann der Mensch nicht einfach sein, weil das Sterben des Menschen gerade nicht dem Verenden der Tiere entgegengesetzt ist (welche Auffassung Heidegger etwa in seinem Aufsatz "Das Ding" vertreten hat), sondern in das Verenden und nicht etwa in den Tod mündet.

  • Wenn nämlich zwischen Leben und Tod das A-Repräsentative, tiefe Bewusstlosigkeit (jede Nacht nachträglich erfahrbar), gesetzt ist, so ebenso zwischen Sterben und Tod.

  • Und das heißt: Leben wird zu Sterben, Sterben wird zu Verenden und erst das Verenden verliert sich verwesend im Tod.

  • Und weiter heißt dieses:

  • Der Tod ist erstens nur seine Vorstellung als Wissen der Sterblichen, zweitens als Wissen der A-Repräsentativität, erfahren etwa als Schlaf und/oder als Amnesie, drittens als die leere Referenz dieses Wissens, als Nichts.

  • Und weiter:

  • Die zwischen Leben und Tod zu denkende A-Repräsentativität ist indifferent mit dem Tod.

  • Und das heißt: Der medizinisch an äußerlichen Merkmalen, welche auch immer es sein mögen, festgemachte Todeszeitpunkt ist eine vom Begehren (als vernünftiges und legitimes Interesse getarnt [Stichwort: Organspende]) korrumpierte Albernheit der Rationalität, nichts sonst. Der Mensch ist erstens bereits im Leben passager tot, jede Nacht, zweitens im Sterben schon vor dem Abschalten der letzten messbaren neuronalen Vorgänge im Selbstentzug angekommen und drittens, und das ist die eigentliche Herausforderung des Denkens: überhaupt erst lange nach jedem äußerlich feststellbaren Tod wirklich tot, das heißt: der Tod ist per se nicht einmal am Anderen feststellbar.

  • (Der Andere: Wer ist das, von dem ich behaupte, jetzt sei er tot: mein Anderer oder der als Anderer unausgewiesene, unbezogene / entzogene Andere? Und wer ist der Andere, von dem ich behaupte, sein Tod als von ihm überschrittene Grenze seiner Selbstwahrnehmung sei überhaupt nicht feststellbar?)


Feststellbar ist das Erwachen. Feststellbar ist das Entzogene, dass etwas fehlt. Feststellbar sind der Zorn und die Belustigung, in die er kippt. Feststellbar ist das, was im Abgang die anale Fröhlichkeit aufruft: der Zusammenschluss von sexueller und ökonomischer Differenz, die die narzisstische Panik des drohenden Endes der Welt überspielt.


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