| Wie also schließt man einen solchen unfreiwillig luziden Traum auf?
Zunächst wird es nützlich sein, die banalste aller Feststellungen an den Anfang zu stellen: Alle symbolischen Elemente dieses Traums erfüllen die gleiche Funktion, dem Traum seinen Inhalt zu geben, wie belangvoll oder belanglos dieser Inhalt für die Person des Träumers auch immer sein mag.
Hier taucht ein erstes Problem auf: Je belangvoller ein Traumsymbol für den Träumer ist, umso affektiver wird der Träumer im Traum "dabeisein". Man tritt in eine paranoide Abhängigkeit zum emotional aufgeladenen Symbol. Paranoische Affektion aber führt zur schnellen Weckung und aus ist der Traum.
Belanglose Inhalte aber, belanglos für die träumende Person, garantieren mitnichten die entspannte Dauer des Traums. Vielmehr befeuert die Gleichgültigkeit der Symbole ihren autosymbolistischen Leerlauf.
Resultiert aus der Belanglosigkeit die Nicht-Notwendigkeit einer Fort-Bewegung, so aus dieser die dialektisch gesteigerte Nötigung zu weiteren Symbolen und Vorgängen. Es mag für die Traumdauer nicht gut sein, wenn zu viel los ist, aber ganz fatal ist es, wenn rein gar nichts geschehen will.
Beispiel: die Bushaltestelle, die sich der Person des Träumers und Interpreten bisher weder als Ort eines fetischistischen Glücks noch als Ort irgendeiner Beängstigung darbot, wiewohl es sich bei Bus- und anderen Haltestellen um zutiefst beängstigende und verstörende Dinge handeln müsste.
Warum?
- Weil eine Bushaltestelle nicht einfach nur ein beliebiger Ort ist, an dem man entweder aus einem Bus aus- und einsteigt (als Traumsymbol: Ausstieg aus dem Tiefschlaf als Einstieg in den Traum) oder auf den Bus wartet, diesen kleinen Lebenszeitverlust wegen des anschließenden Zeitgewinns in Kauf nimmt,
- sondern weil die rationale Funktion von Bushaltestellen, ebenso wie die von Bussen und deren Equipment und überhaupt von allen auf Mobilität ausgerichteten Dingen der technischen Rationalität, längst schon als eine gelingende magische Abwehr der fundamentalen menschlichen Nöte von Bewegung und Starre eben diese Nöte unbewusst erinnert:
Entweder nämlich fährt der Autobus ohne jeden Halt in die reine Haltlosigkeit der folglich tödlich-entropischen Bewegung (Heraklit) oder aber er kommt, ebenso tödlich-entropisch, gar nicht erst in Gang (Parmenides/Zenon).
Beides, Bewegung und Stillstand, ist dasselbe – Zeit als das objektiv sich selbst Vernichtende des Sprungs vom Noch-nicht über das Jetzt hinweg in das Nicht-mehr und so erst als subjektiv-memoriale Zeit, repräsentiert eben als Bewegung und Stillstand, externer und interner Verräumlichung, erfahrbare und vor allem: messbare Erstreckung vom Jetzt ins Unendliche –, nur durch die ein- und zuteilende Rationalität auseinandergehalten und dadurch negentropisch durch das jeweils andere durchbrochen (auf Widerruf durch Gevatter Tod freilich).
Geträumtes Warten wäre per se jenes inhaltslos-leere Warten, das unaushaltbar alles Warten dem Warten auf die letzte tödliche Aufhebung allen Wartenkönnens überantwortet, ohne dass diese Aufhebung zur Synthesis von Warten und Eintritt führen könnte.
Man kann im Traum nicht ohne Vernichtungsangst warten, weil der Eintritt des Erwarteten im Traum ihn zur Realität hin komplettierte, das Träumen selber ein solches Warten, unbewusst und dialektisch freilich, auf das Erwachen ist. Erwachen aber heißt für den Traum: Weltuntergang.
Alles Träumen ist Warten auf den Weltuntergang.
Um dies aber sein zu können muss der Traum sich vor der Bewusstwerdung dieses Wartens schützen und sei es, wenn sonst gar nichts mehr geht, dass er im Extrem gerade diesen Sachverhalt in das Bewusstsein hebt: etwa, wenn gewiefte luzide Wachträumer beginnen, die als Traum durchschaute Umgebung zu erkunden, durch systematisches Umherblicken die rapid eye movements diszipliniert fortsetzen, den Tunnelblick als Erwachens-Sog in das vor diesem göttlich-anvisierenden Blick vergehende Bild vermeiden. Streng genommen gar nichts anderes, als die (gegebenenfalls nachträgliche) Fiktion, das, was der Traum von sich her bereits leistet, die Verschiebung, selbst vorgenommen zu haben.
Vor aller Luzidität beginnt dieser Traum also unter dem Eindruck drohender Bewegung und drohendem Stillstands mit den obligaten Verschiebungen.
Auf der Ebene des unbewegten Bildes: die Spielwiese als Traummetapher, das Gebüsch als den Blick vor seiner Auflösung in der unendlichen Ferne als Einfall des Erwachens schützende Sichtblende, das Haus mit der elterlichen Wohnung als uneinlösbares Versprechen einer schlafverlängernden Umhüllung des geträumten Körpers.
Auf der Ebene des bewegten Bildes: der Tyrannosaurus – endlich ist was los!
Erwischt dieser tödliche (weil tote) und gar nicht tödliche (weil mediale) monströse Menschen-Doppelgänger (Motiv des aufrechten Gangs) den Träumer, so ist es aus mit seinem Traum. Denn, Projektion oder nicht, der Berührungskurzschluss vernichtet in beiden Fällen das Traumbild.
Warum aber nun ein Tyrannosaurus? Warum nicht Tiger oder, wenn schon das behäbige Stapfen die schnelle Erwachensbewegung dehnen soll, ein Krokodil?
In der Tat käme jedes beliebige Raubtier als bedrohlicher Schlafräuber in Frage. Die Freudsche Theorie des Tagesrests mag oft, sicher nicht immer die richtige Antwort auf die Frage nach Auftauchen eines ganz bestimmten Symbols im Traum sein. Im konkreten Fall kann der Träumer als sein eigener Interpret keinen Tagesrest erkennen. Kein Schwiegermutterdrachenmonster quälte mich des Tags, um nächtens verulkt zu werden.
Das Problem der Symbolwahl kann immerhin verkleinert werden, wenn auf die innere Logik des Traums geachtet wird.
So ergeben sich von der Bannung des Wartens her, nachträglich als Ausgestiegensein aus dem Bus verstanden, einige Zusammenhänge.
Etwa die der Modi von Bewegung: Fahren/Gefahrenwerden (unmittelbare Vergangenheit): Bus; Gang auf zwei Beinen (Gegenwart): der T-Rex; Fliegen/Schweben (auf unmittelbare Zukunft, das Ziel, hin): der Träumer.
Auch temporal gliedert sich der T-Rex in eine Ursprungs-Zitation ein: das Ausgestiegensein aus dem Bus verweist auf die Vorgeschichte des Traums, die dem Subjekt entzogene (akustisch-motile) Weckungsbewegung im Tiefschlaf (nebenbei: der Bus wäre von Mettmann, Geburtsort des Träumers, gekommen); die Eltern verweisen auf die Herkunft, die Vorzeit des Träumers als seine Nichtursprünglichkeit.
Von den Eltern zu träumen, heißt immer die eigene Unvollständigkeit, dass man ein Entstandenes ist und nicht von je her schon war (und folglich auch nicht für immer sein wird), selbst noch einmal zu träumen und diese narzisstische Kränkung zu reparieren, indem die Unvollkommenheit des Träumens, die darin besteht, dass das Geträumte nur ein Geträumtes ist, in das Phantasma der Vollkommenheit des Träumens (und der modernen Medien) umschlägt: als selbstreferenzielle Identität (philosophisch: das eleatische Eine) des Geträumten mit sich. An die Unhaltbarkeit dessen, dass alles nur noch Traum sei, an die Bedürftigkeit des träumend abwesenden Körpers, daran gemahnt das Elternmotiv.
Der T-Rex verweist ebenfalls auf diese dialektische Totale von Bedürfnis und Unbedürftigkeitsbegehren: die sich als mediale Projektion träumende Memoria der urzeitlichen Genesis des Ganzen aus dem als erhabenes-Stück-Natur-auf-zwei-Beinen grandios repräsentierten Tod selbst. Die simple Logik des Wären-die-Saurier-nicht-ausgestorben-würde-es-keine-Menschen-geben als die fundamentale Bedingung des Träumens: Wäre der reale Körper des Träumers im Traum nicht abwesend, das heißt: keineswegs zwar tot, wohl aber aus-gestorben (= erinnert), durch Geist-Körper, eben den schwebenden Körper hier und den behäbig stapfenden dort, sublimiert, so würde es Traum nicht geben (und Denken und Schrift und Internet und vieles andere, was den Körper in seine Zitation verschwinden macht, auch nicht).
Wie überhaupt die Abwesenheit des Körpers das Hauptmotiv ausmacht:
- Abwesenheit des Buskörpers,
- Abwesenheit, mindest jedoch Verborgenheit des Körpers der Projektionsapparatur,
- ebenso Abwesenheit oder Verborgenheit der Elternkörper
- und die Abwesenheit des (realen) Körpers des Träumers in Form seiner Nichtfühlung, was einerseits das Schweben ermöglicht, andererseits aber den Rekorporalisierungsversuch (Ballen der Fäuste) durch den finalen Konflikt zwischen geträumt anwesenden (= bloß gesehenen) und real abwesenden Körper erschwert.
Es bietet sich für diese Transformation des gefühlten in den bloß gesehenen Körper der Rückgriff auf einen fleischfressenden gleich körperopfernden Dino deshalb an, weil es sich damit per se um einen bloßen Traumkörper par excellence, ein paläontologisch gemachtes mediales Simulakrum jener Urzeitlebewesen, handelt.
Auch zu einem weiteren verborgenen Motiv passt der T-Rex bestens: dem eines Zuviels.
Zunächst das Zuviel an Starre: der Bushaltestelle.
Und dieses kann als eine Kompensation eines vorheriges Zuviels der Verlautung und Bewegung erwogen werden: als nachträgliche Rationalisierung, die kurzerhand eine mit zuviel Weckungsenergie aufgeladene Bremsung am Übergang in den Traum durch das schon öfter geträumte Bus-Motiv darstellt, der Nachträglichkeit wegen diesmal als Ausgestiegensein aus dem großen lärmenden Vehikel.
Schließlich das finale Zuviel der Traumbeharrung.
Und so ist auch intermediär der T-Rex ein Zuviel der Selbstdarstellung des Phänomens Traum und seiner Grenzen.
Denn es schwingt ja alles mit, was sich zu einem T-Rex assoziieren lässt: das (Aus)Gestorbensein (da capo: Traum als Warten auf den Weltuntergang, den der T-Rex, also der Traum, schon hinter sich hat) und die Bedeckung durch Sedimente (Tiefschlafzitation), die Fossilisation (todes- und verwesungstötende Regenerierung im Selbstentzug) und die Auffaltung der Gesteinsschichten (Zitation der den Tiefschlaf strukturierend-auszehrenden Vorgänge von Verlautung und Bewegung), dies alles als naturales Vorspiel zur künstlichen Resurrektion ihrer tyrannischen Echsenmajestät: das Ausgegrabenwerden (Erwachenszitation), die wissenschaftliche und die bildgebende Rekonstruktion, Hollywood (Traumfabrik!), also alles, was Mensch sich so einfallen lässt, um bloß nicht das Tote tot sein lassen zu müssen. Und das ist nur ein Bruchteil des hier nicht auszuschöpfenden Assoziationsfeldes.
Der Tyrannosaurus ist ein Paradebeispiel für negative Erhabenheit, ein furchterregender Blickfänger eben – wie das Fliegen eine Visualisierung von Klang und als diese zugleich seine Abstellung, die aber diese Verschiebung vom Ton zum Bild nichtssagend stumm erinnert, da ja niemand weiß, wie sich diese Tiere wirklich angehört haben.
Im Ausgang von dieser behäbig bewegten negativen Erhabenheit – behäbig! wieviele Schritte zum Lächerlichen waren es noch gleich? – hebt der Traum in die Albernheit, vielleicht aber nur die seiner Verschriftlichung, ab.
Zunächst als naseweises Wissen: "Da ich aber weiß ... sorge ich mich nicht." Das ist partieller Unsinn.
Hat Sorglosigkeit nicht eher etwas mit Unwissen zu tun? Sorgt sich, wer wirklich etwas weiß, nicht umso mehr?
Dass das Wissen die Möglichkeit der Beseitigung dessen, was Sorgen macht, verspricht, ist freilich nicht zu leugnen.
Gerade so tritt das Wissen in den Zirkel der Forschung, der letztlich frustranen wissenschaftlichen Kompensation des sich als noch unzulänglich wissenden Halbwissens.
Mit dem Wissen wächst das Wissen der Unzulänglichkeit dessen, was das Wissen verhieß, und somit die Sorge und mit dieser die Forschung und mit dieser das Wissen und mit diesem ... und so weiter ad mortem.
Immerhin aber ist mit dieser also unreflektierten Verknüpfung von Wissen und Sorglosigkeit der Affekt gebannt und die wilde Flucht vermieden, jene Sorte Bewegung, die wegen ihrer Geschwindigkeit dem Traum Zeit und Energie zur Erfindung neuer Bilder rauben würde und deshalb in aller Regel zum sofortigen fatalen Stillstand führt.
Das "vorsichtshalber", es kann auch wörtlich genommen werden, vermittelt die Extreme von Flucht und Ignoranz. Desgleichen das Fliegen/Schweben in Bauchlage, deren Vorzug, wie jeder Rückenschwimmer weiß, die Sicherung der Voraus-Sicht ist.
Die schwebende Bewegung verhält sich zum T-Rex antagonistisch. Dieser stapft, bewegt sich in den diskreten Schritten der dritten zenonischen Paradoxie, mein Schweben aber ist das kontinuierliche Gleiten der ersten beiden Paradoxien. (Dumm nur, dass sich die zweite zenonische Paradoxie, die die Nichteinholbarkeit der Schildkröte durch den verfolgenden Achilles unter der Kondition einer infiniten Rückkopplung der Messung beider Positionen beweist, nicht einstellen kann, da das Verfolgende sich gerade nicht kontinuierlich/stetig sondern diskret/sprunghaft bewegt, was die Paradoxie, um den Preis der Geltung der dritten und vierten freilich, auflöst.)
Es scheint sich beim Schweben um eine unbewusst genauestens abgewogene Paranoia-Abwehr aus Negation der subjektiv zu keinem Zeitpunkt erwogenen Alternativen zu handeln.
Geht nicht, das Ding stapft auf mich zu.
- Hinter der Haltestelle in Deckung gehen?
Geht nicht, das führt zum Problem des Wartens und außerdem verschwindet der Saurier so ja nicht.
Geht nicht, das löst nämlich den Verfolgungstrieb des Sauriers aus, nicht, weil die Projektion nun keine mehr wäre, sondern aus Gründen der Rücksicht auf Darstellbarkeit des memorial-paranoischen Verhältnisses, da ja die Flucht als solche nicht durch das Geflohene, sondern durch ihr Gelingen bedroht ist. Dann doch lieber verfolgt werden, als dass die Szene zerfällt – und schon wäre der fortlaufende Flüchtling der fortlaufenden sinnlichen Repräsentation des Verfolgers bedürftig.
- Auf einen Baum oder dergleichen klettern?
Geht nicht, erstens ist der T-Rex zu groß und zweitens droht dann der Absturz.
- Sich aus dieser Szene herausschleichen?
Tatsächlich ist die Bewegung zum Hauseingang Teil dieser Lösung. Nur das Schleichen geht nicht, da Bewegung hier dezidiert selbst thematisch wird und das paranoische Verhältnis sich so erst recht einstellt. Das Schweben löst alle diese Probleme, nur das seiner Irrealität nicht. Es hält als die Unfühlbarkeit der unteren Körperhälfte das Paranoia-Problem allein in der Sphäre des Gedächtnisses, des Geistes – Flieg, Gedanke! –, der dieses Problem ja bereits als eines der Projektion und also als eines des bloßen Denkens und also als eines, das vermeintlich in seiner eigenen Macht steht, erkannt hat. Es erlaubt als Fliegen in Bauchlage die einfache Fortsetzung der Visualität als deren Mobilisierung. Bäuchlings blicke ich nach vorne, Konkretion der disponierenden Vor-Sicht, die Rück-Sicht (auf Darstellbarkeit als Paranoia) hinter sich lassend (phantasmatisch aber nur!).
These dazu: geträumte Bewegung (der Träumenden, nicht die der/des geträumten Anderen) geschieht traumkriterial immer nur stetig schwebend, als Verdeckung/Abwesenheit des körperlichen Vor-gangs vor-sichtiger Traumerhaltung. Nur ausnahmsweise, unter bestimmten (für mich, mangels einer genügend breiten Empirie, nur am konkreten Beispiel ermittelbaren) erpresserischen Bedrohlichkeiten, mögen die Extreme, Schweben/Fliegen (Größenwahn-Paranoia) und das bekannte Nicht-vom-Fleck-weg-Kommen/Fühlung des Fortbewegungsapparats (Verfolgungs-Paranoia), sich als Kurzschluss des träumend abwesenden Körpers (Herbert Silberers "somatisches Phänomen") mit der disfunktional reparativen Darstellung dieser Abwesenheit (Silberers "funktionales Phänomen") einstellen. Schweben immer auch traumangemessen ein Kompromissgebilde zwischen Himmel (Wachen) und Erde (Schlafen), der vertikalen Körperpositionen im Wachen (und im Schlafwandeln) und der für gewöhnlich horizontalen Schlafposition.
Das Treppenhaus. Hier ist nun unser kleines Säugetier vor dem großen bösen Dino in Sicherheit. Zu groß ist Seine schreckliche Erhabenheit für die kleinbürgerliche dingliche Vermittlung, die sich als Notwendigkeit ihres Nachtrags in Bezug zum Schweben anmahnt.
Die Treppe verweist auf das im Fliegen Ausgelassene der Vermittlung von Bewegung: die Beine, die nötig sind, um Treppenstufen zu steigen.
Es kollidiert die horizontale Bewegung des Schwebens mit der vertikalen des Treppensteigens. Deshalb wird erst hier der Träumer sich der Irrealität der eigenen Situativität bewusst und also schlafimmanent, höchste Steigerung des Paradoxen des paradoxen Schlafs, wach.
Eine geträumte Treppe ist freilich ein traumgefährdender Ort, wenn immer das Aufsteigen nicht bloße Metapher des Erwachens, sondern aus Einsicht in diese Metaphorik in das Erwachen auch umschlägt.
Damit muss man rechnen: die Beschäftigung mit dem Phänomen Traum, zumal das Ernstnehmen des Selbstbezugs des träumenden Gedächtnisses hat natürlich Auswirkungen auf die künftigen Träume.
Diese spezielle Treppe jedenfalls ist mehr als bloß eine Erwachensmetapher: sie ist das ens realissimum, an dem der Traum sich als solcher durchschaut, weil sie dem Träumer vertraut ist, nicht ohne weiteres anders sein könnte, als sie ist.
Die vertraute Umgebung, von der Bushaltestelle über die Wiese zum Treppenhaus, überdeckt, ohne dass dieses intentional gewesen sein muss, die Irrealität des Traums, seine Selbstreferenzialität und die damit verbundene Selbstdurchschauung, die traumstörende Aufklärung, dass das nur ein Traum ist und man nun doch erwachen könnte.
Nur dass das zu diesem Vertrauten Hinzuerfundene in seiner völligen Irrealität umso mehr kollidiert, je realistischer seine Bühne geträumt wurde. Und dass die realistisch geträumte Idylle wegen ihrer tautologischen Natur dem Traum nichts mehr zu träumen übrig lässt, denn die archaische Zerstörung dieses Realistischen, so wie es im Kino bekanntermaßen und als ein selbst schon wieder Vertrautes zelebriert wird.
Die Frage, woher der Realismus letztlich stamme, ist die Frage nach seinem Grad, denn jedes Erwachen, auch das in den Traum, erfordert Identifikation und Orientierung, deren Extrem der Realismus lediglich ist. Spekulativ gehe ich im konkreten Beispiel von einer zunächst aufgestauten und deshalb überschießenden Weckungsenergie aus. Und wenn nicht alles täuscht, so stellt sich dieses noch einmal final dar.
Konnte die Kollision des irrealen Dinos und der realistischen Umwelt durch die subjektive, dem Unbewussten botmäßige Deutung als filmtechnische Traumkopie gedämpft werden, so sieht sich das halbwache Subjekt unvermittelt dem Bruch im Vertrautesten selbst gegenüber: dass es selbst ganz mit sich unvertraut ist, körperlos schwebend, ein Geist im Jenseits, todesnah, jedenfalls in diesem Bewusstsein seiner eigenen Irrealität.
Häh? Fliegen? Das kann ich doch gar nicht! Aber Erwachen, das kann ich.
Das Fliegen aber geschieht ungeachtet, dass ich es nicht kann, und also geschieht das Erwachen nicht, ungeachtet, dass ich es kann.
Denn, längst schon wach, kann es auch nur noch können.
Die Anmaßung ist nicht, dass ich fliege.
Die Anmaßung wäre höchstens die, zu meinen, ich könne fliegen.
Allerdings ist meine Anmaßung, für die ich zu Recht die Zeche in Form passagerer Panik zahlen muss, die, dass ich meine, ich könne beim "echten" Erwachen, das heißt: bei der Rückeinführung des als abwesend erkannten Körpers dabei sein, ich könne den Körper auferstehen lassen und das heißt: meinen eigenen Ursprung als Identität von Körper und Geist als Geist irgendwie bewirken.
Dazu aber ist der Körper nötig: die geballten Fäuste, die sich selbst in die Hand nehmen.
Ununterscheidbar, ob diese Selbsthaptik nur geträumt oder auch real stattfand. Jedenfalls ist der Körper nicht mehr einfach abwesend, es findet nunmehr die Fühlung statt.
Das Körpergefühl wandert von den Fäusten zur Brust wohl schon auf dem Weg zum Rücken, aber das braucht Zeit, die das Subjekt dem Gefühl nicht geben will.
Wenn nun aber der Geist wach ist und der Körper irgendwie auch, wer zum Teufel ist das denn jetzt noch, der da verhindert, dass ich jetzt einfach wach bin und aufstehen kann, dass der wache Körper und der wache Geist, so wie es sich gehört, nichtidentisch beisammen sind?
Für einen Moment bin ich zerfallen, Teile, wohl der ganze visuelle Apparat – vor meinem geistigen Auge sehe ich grinsende Neurowissenschaftler, die mir erklären wollen, welche Teile meines Gehirns Schuld hatten – aber auch die Stimme, die nicht heraus will, sind noch nicht aufs Wachsein umgeschaltet.
Es erscheint das Gestell, wohl eine Rationalisierung des Körpergefühls, eine Art Treppenlift für Schwebende, keine Heidegger-Parodie, sondern der nachdrückliche Hinweis auf das, was jetzt, wo das Subjekt wach ist und der Körper sich fühlt, noch zum Wachen fehlt: das Ding, ohne das Körper und Geist, wie es mir hier wie schwerstkrank widerfährt, entropisch in sich zusammenstürzen, letztlich sterben.
Aber dieses Ding ist nur ein geträumtes.
Sein erstaunliches Aufgetauchtsein aus dem Nichts relativiert meine vorherige Wachheitsemphase, in Wahrheit war ich gar nicht so wach und der Traum luzide, wie ich meinte, und das ist die Vermittlung, die benötigt wurde, um wirklich zu erwachen.
Es wurde mir bewiesen, dass ich nicht erwachen kann und also erwache ich und entdecke die Banalität des Übergangs.
Es gab nichts zu entdecken an diesem Übergang.
Es gab nur den Konflikt der geträumten und realen Körperlage, den das Traumunbewusste wusste und gegen mich, den es genau kennt, zu seiner Dauer ausspielte.
Wer ist dieses Unbewusste, das sich mir nächtlich geschickt hat und das sich von mir in ein Kampfspiel verwickeln ließ, den es bis zu seinem Sieg führte, um dann aber wie erschrocken über mein Erschrecken, seinen dinglich vermittelten Untergang herbeizuführen? Die neurowissenschaftliche Aussage, es seien genau diese und jene Regionen im Gehirn und mein Schrecken sei im Zusammenspiel und aufgrund einer Blockade dieser und jener Regionen entstanden, wäre dem neurowissenschaftlichen Axiom gemäß selber nur die Illusion eines ganz bestimmten Hirnzustands, aber hier soll sich nicht die wievielte in den Wind geschriebene Kritik der neurowissenschaftlich erhobenen Deutungshoheit anschließen.
Wider die logische Selbstaufhebung der Neurowissenschaften kann man getrost darauf vertrauen, dass das, was die Wissenschaftler messen, wenn sie das Gehirn in die Röhre schieben, richtig ist, dass die Messergebnisse auch wirklich stimmen.
Nur habe ich jenen kurzen Erwachensärger nicht als Ergebnis einer Messung, sondern als ein vermessenes Messen von Kräften meiner selbst und meiner selbst als die eines völlig Anderen erfahren. Und diese Erfahrung ist als solche per se jeder Messbarkeit entzogen.
Dieses Entzogene ist das Prinzip, um das es geht; das entzogene Unbewusste, das mich zunächst nicht erwachen ließ, ist eben gerade die Unmöglichkeit und das Begehren, es als ein Anderes und dieses als mein Selbes zu identifizieren.
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