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Laurentiustränen Fäcker-Konstellation Eine Sache der Vernunft Ärger mit dem Erwachen Neurogermanistin
Axel Schünemann

Eisenbahntraum (undatiert, Anfang der 90er)

Vorbemerkung: Sowohl der nachfolgende Traum, als auch der Auslegungstext sind von einer gewissen Länge gezeichnet. Obwohl die hier vorgelegten Deutungsproben im Prinzip keine Werbung für den Autor sein sollen, würde ich gerade diesen viel zu langen und summa summarum viel zu unversierten Text auch wirklich nicht für eine solche halten. Soll heißen: der Autor rät von der Lektüre dieses Textes ab. Einige Details mögen vielleicht für diejenigen, die etwas ähnliches mal geträumt haben, interessant sein, der verlegene einzige Grund für diese Veröffentlichung.

Ich erwache in einer Kaserne. Es ist 9.30 Uhr und ich habe verschlafen. „Kein Frühstück“ denke ich, während ich mich hastig anziehe und den Rüffel eines Vorgesetzten erwarte, der aber ausbleibt.

Als Schaffner verfolge ich im Bahnhof einen kleinen streunenden Hund. Man ruft mir zu, schneller zu laufen, aber ich denke gar nicht daran, ihn zu schnappen, sondern will ihn in einen Zug hineintreiben, um mir den bürokratischen Papierkram, der bei der Übergabe an ein Tierheim anfällt, zu ersparen. Ich renne durch zwei Absperrungen. Die erste ist offen, aber die zweite lässt sich zunächst nicht öffnen – Gott sei Dank. Diese Sperre öffnet entgegen der erwarteten Drehrichtung, so hat der Hund wieder einen Vorsprung. Ich treibe ihn die Treppe zum Bahngleis hinauf. Ein Kollege mit drei angeleinten Hunden grinst mich an und zerrt sie hinter mir ebenfalls die Treppe hoch. Ich sehe, wie der kleine Hund in einem Zug verschwindet, steige ebenfalls ein, wie auch hinter mir der Kollege. Er wechselt mit dem Zugschaffner dort, der nicht merkt, dass wir ihm die Hunde aufhalsen wollen, ein paar belanglose Worte. Der Zug fährt ab, und ich frage mich, wie wir rechtzeitig zurück in den Bahnhof kommen sollen.

Der Zug hält an einem Wasserturm. Ich, der Kollege und andere Schaffner steigen aus und durchsuchen den Kohleschotter neben dem Gleis. Der Zug fährt inzwischen ab. Der Kollege erzählt mir, dass er mit einem der anderen Schaffner, der dazutritt, hier einst bei einer Wette ein Portemonnaie verloren habe. Wir suchen danach und ich finde es: Es sind drei ganz alte Fünfmarkstücke und mehrere Ein- und Zweimarkstücke darin. Ich nehme die Fünfmarkstücke und einige Einmarkstücke heraus und gebe den Rest dem Kollegen, der aber alles von mir haben will, da er damals die Wette verloren hatte und nun damit seine Schulden begleichen müsse. Ich argumentiere, dass die Fünfmarkstücke ohnehin wertlos seien (mit dem Hintergedanken, sie selber noch in Automaten verwenden zu können). Wir einigen uns darauf, dass jeder einen Teil bekommen soll; ich sichere mir zwei Fünfmarkstücke, den Rest teilen die beiden Kollegen unter sich. Wir können in einer Holzhütte übernachten und ich beschließe, bei diesen Leuten – einem Reparatur-Trupp – zu bleiben.

 Ich höre eine Erzählerstimme, wie in einem alten Dokumentarfilm:

„Im Frühling wird das Wärterhaus zerlegt und neu zusammengesetzt. Das muss schnell geschehen, denn Frühling und Sommer sind hier kurz, und im Herbst rotten sich die Wölfe zusammen, da müssen alle Arbeiten beendet sein und die Tiere eingepfercht, dann kommt schon wieder der Winter.“

Jemand erzählt mir, dass es eine Qual sei, jedesmal auf die Strommasten klettern zu müssen, um die Zähler abzulesen, da müsse man was erfinden, um die Zähler nach unten zu verlegen. Ich entferne mich von dem Trupp und blicke zu den Stromleitungen am Himmel über mir. Da also muss einer raufklettern, um oben den Stromverbrauch abzulesen. Ich blicke zu den Kollegen und erwarte einen Rüffel für meine Abwesenheit, aber der Boss ruft mich nicht. Ich beschließe, etwas zu erfinden, um das Problem zu lösen. Man könnte einen Spiegel oben anbringen und dann mit einem Fernglas … Aber nein, dann muss man Spiegelschrift lesen können. Also doch den Zähler nach unten legen. Aber wie?

Ein Schuss schreckt mich hoch. Jemand ruft, es schieße jemand auf die Zähler. Ein Kollege öffnet die Tür einer Lärmdämpfungswand und lacht. Er ruft mir zu, ich solle mir das selber anschauen, es gebe keine Gefahr. Ich gehe um die Wand herum und sehe in der Ferne einen Holzfällertrupp mit großen Maschinen, deren Geräusche ich erst jetzt höre. Offenbar schluckte die Wand diese Geräusche und nur die stürzenden Bäume waren als Knall zu hören. Wieder fiel ein Baum um, aber hier war das Krachen nicht zu hören. Ich war traurig bei dem Gedanken, dass bald die Wälder gefällt wären und wir nicht mehr hier sein würden. Ich sah am Flussufer zwischen den Gleisen, wie die Grasnarbe durch unsere Fußtritte aufgerissen war. Tagsüber wir, nachts die Wölfe, das hielt die Grasnarbe nicht aus. Immer mehr Sandlücken bestimmten das Uferbild. Wieder hörte ich die Erzählerstimme:

„Heute ist das alles vorbei. Ich erinnere mich nur noch, wenn ich mit der Kutsche hierherfahre, ans Flussufer, um all das hier zu sehen.“

Ich erwache in einer Kaserne.

Das Erwachen aus dem Tiefschlaf in den Traum, dargestellt als Erwachen aus dem Schlaf in die Kaserniertheit. Schlafgefängnis Traum, der seine eigene Bedingung träumt: Wachheit, eingeschlossen in Traumhalluzinationen – paradoxer Schlaf: Man ist wach und schläft dennoch. Was mag den Träumer in den Traum geweckt haben? Mutmaßlich könnte es ein Pfiff gewesen sein, sei es als äußerer Weckreiz, oder als Übergangshören der traumherstellenden Tiefschlafverlautung. Zwar ist ein Pfiff nicht Bestandteil des Traums, aber der Traum deutet ihn an: in der Art der Weckung in Kasernen durch den UvD, in der Schaffner-Tätigkeit des Trillerns und in der Zugfahrt selbst, die sich als Fahrt mit einer Dampflokomotive entpuppt.

Es ist 9.30 Uhr und ich habe verschlafen.

Zu jedem Erwachen gehört eine paranoide Phase, in der sortiert werden muss, was, wer und wo man ist. Diese Phase ist im Verschlafen, dem Blick nach der Uhr, dargestellt und durchzieht als felix culpa den ganzen Traum. Wer zu spät kommt, den belohnt das Leben: nämlich mit längerer Traumschlafdauer. Die in der Traumarbeit vorgenommenen Verschiebungen, die alle diesem Zweck der Traumverlängerung dienen, stellen sich als paranoide Verzögerung (etwa in der Jagd nach dem Hund) dar. Der ganze Zeitablauf des Traums ist bewegungsbremsend/-rücknehmend bis zur Rückläufigkeit des Zivilisationsfortschritts am Ende des Traums. Kutsche!: Wie lange muss einer wohl verschlafen, bis wir angesichts der absehbaren Spritpreisentwicklung wieder dahin kommen?

Und die Uhrzeit? In der Neuneinhalb stellt sich das Verschlafen bereits dar, als Übertreffung des Normwerts der durchschnittlichen Schlafdauer von acht Stunden. Das später auftretende Hundequartett, ein kleiner und drei große Hunde hier bereits vorweggenommen: Die Neuneinhalb ist nämlich ein Modus der Vier, da traumlogisch gilt (Mathematiker mögen sich ganz schnell die Augen zuhalten):

9½ = 32 + ½ = 3 + 2 · ½ = 3 + 1 = 4

Die 2 wandert von der Exponentenposition zur Basis 3 ikonographisch zum Zähler 1 (dem durch die Teilung als Vermitteltes repräsentierten Ursprung). Was besagt diese irre Rechnung? Die Neuneinhalb als drei Schlaf-/Traumzyklen, je dreistündig, nebst einer halben Stunde morgendlichen Erwachens-Traums. Der Traum enthält fraktal die ganze Nacht davor. Und die Vier? Zahlenphilosophisch ist die Eins der Ursprung, das Ganze, das Eine; die Zwei ist das Andere, das Entsprungene, die Negation des Einen; die Drei ist das vermittelnde Dritte, mit der Drei, mit der Vermittlung, wird das Zählenkönnen allererst nachträglich möglich (wegen dieser Nachträglichkeit liegt auf der Zahlengeraden der Wert der Drei wider ihren Begriff nicht zwischen Eins und Zwei, die Vermittlung erscheint nicht als zenonisches Mittleres, sondern als Weiteres); die Vier ist folgerecht wieder die (vermittelnde) Negation der Vermittlung, der Drei als Vermittelndes, die Stabilisierung der Zahlengeraden. Die Fünf wäre (wäre!) das Reale.

Diatonisch entspricht dem Achtstundenschlaf die Oktave. Die Neuneinhalb wäre dagegen als erweiterte Tonalität, in der die Klänge nicht aus Terzen, sondern aus Quarten (der Vier) gebaut werden, frühmoderne Übergangsmusik, etwa Schönbergs Kammersinfonie. In der Tat wirkt der Traum neoimpressionistisch, wie eine Szene der postmodern niemanden mehr aufregenden musikalischen Rücknahme der Nachkriegsavantgarde. Was intim freilich nur mit dem Träumer zu tun hat, Tagesrest sein könnte.

„Kein Frühstück“ denke ich, während ich mich hastig anziehe und den Rüffel eines Vorgesetzten erwarte, der aber ausbleibt.

Traumgemäß muss das Frühstück ausfallen, da im Nahrungsverzehr die Traumszene selber aufgezehrt würde, im Körperinneren verhüllt würde. Dann lieber den Körper selbst einhüllen: Die Absicherung der Schlafhülle, als deren Besorgung geträumt, Uniformierung als Wappnung vor dem, was im Traum begegnen mag. Die Kasernenhülle muss, damit der Traumfilm (ab)laufen kann, verlassen werden, und zu diesem Zwecke wird diese Schlafhülle mobil gemacht als Waffenrock. Der erwartete Rüffel, der Verworfenheit des Schlafens wegen, ist die Erwartung eines nochmaligen Weckreizes – Anpfiff –, der dann vorab in den Traum hineingenommen ist und so gebannt wird.

Als Schaffner verfolge ich im Bahnhof einen kleinen streunenden Hund.

Der Übergang der Kaserne in den Bahnhof mutet unvermittelt, wie ein erneutes Erwachen an. Die Mobilisierung der Kaserne wird indessen durch den Bahnhof, der zugleich als fester Ort der Mobilität dient, noch einmal abgesichert. Bahnhof, beliebte Szenerie des Träumers, Durchgangsstation wie der Traumschlaf selber, die angemessene Kulisse des Streunens des Unbewussten, das dann von der Verschiebungsinstanz, dem Über-Ich, ausgetrieben werden muss (vergebens freilich). Der Wechsel vom Milizionär zum Schaffner, eine weitere Metamorphose der Absicherung, folgt der Logik der Paranoia: Als erwerbstätige Verfolgungsarbeit ist die Bereinigung durchaus eine schaffende Tätigkeit. Im Vorgriff auf die Wölfe, die als nächtlich Heulende dem Tiefschlaf zugeordnet sind, kann der Hund als Selbstdarstellung des Traumschlafs, spezieller der Instanz der Verdichtung, der Wunscherfüllung (den Traum = Hund zu verfolgen und nicht vom Tiefschlaf = Wolf verfolgt zu werden) interpretiert werden.

Die Verfolgung, also Abwehr nicht bloß drohender Paranoia, stellt zugleich die Erinnerbarkeit des Traums her. Der Hund muss als mit sich identischer im Gedächtnis festgehalten werden, was die Verfolgung leistet. Zugleich eine geträumte Variante der zweiten zenonischen Paradoxie, die das Paradoxe der subjektiv-memorialen Vorstellung jeder Bewegung auf ein sich entziehendes Ziel hin demonstriert. Zenonisch kann ich den Hund nur in der Unendlichkeit erwischen, das heißt: in der Auslöschung aller Memoria (im Tod, den es nicht für sich gibt) durch ihre Totalisierung im Schließen der infinitesimalen Lücke zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Und im Traum, Kriterium der Unterscheidung zum Wachen, wird das Ansinnen der praktischen Widerlegung Zenons durch das Ende bestraft.

Man ruft mir zu, schneller zu laufen, aber ich denke gar nicht daran, ihn zu schnappen, sondern will ihn in einen Zug hineintreiben, um mir den bürokratischen Papierkram, der bei der Übergabe an ein Tierheim anfällt, zu ersparen.

Liefe der Träumer schneller, wäre es mit dem Traum auch schneller aus. Folglich rechtfertigt sich die Arbeitsverweigerung des Träumers – aber bitte!, das ist doch auch eine Zumutung, selbst noch im Schlaf einer Erwerbsarbeit, des Erwerbs des Traums (und seiner Memoria) nämlich, nachgehen zu müssen! – als Traumerhaltungsnot, Bannung des hämischen Zurufs – dann versuch mal, mich zu beseitigen –, der den ausgesetzten Rüffel nachholt, als es der Träumer nicht mehr erwartet. Im Zuruf wird der Traum sich phonetisch seiner Funktionsweise bewusst, durchschaut, in der Isolation des zurufenden Passanten freilich nur, erinnerungsproduzierend seinen Sinn. Entsprechend konsequent die Abschiebung des Hundes in einen Zug: traumgefährdende Austreibung der selbst schon traumgefährdenden Traumfaktur als Traumlokomotion. Der Zug als Abschiebevehikel soll den Traum in die Länge ziehen. Die zu vermeidende Erstarrung ist der drohende bürokratische Papierkram, letztendlich die sekundäre Traumarbeit, die Traumaufzeichnung. Das Tierheim, Wiederkehr der Schlaf-Kaserne, endgültiger Einschluss des Unbewussten, bastelt als drohender und abgewehrter Verlautungs-Zoo im Verbund mit den weiteren Verlautungspassagen an der Traumerinnerung, wobei der Traum hier die Vor- und Nachteile der Aufzeichnung abwägt, und keine Vorteile, wohl aber drohende Krisis zu wachen Träumens – Papierkram als weckende Selbstreflexion – für sich sieht. Freilich qualifiziert die Verweigerung der bürokratischen Verwaltungsarbeit den Träumer als ordentlichen deutschen Bürokraten. Aber das ist nicht ganz (un)ernst gemeint.

Ich renne durch zwei Absperrungen. Die erste ist offen, aber die zweite lässt sich zunächst nicht öffnen – Gott sei Dank. Diese Sperre öffnet entgegen der erwarteten Drehrichtung, so hat der Hund wieder einen Vorsprung.

Absperrungen sind Übergänge. Zwei Übergänge kommen in Frage: 1. der Übergang vom Tiefschlaf in den Traum und 2. vom Traum in das Erwachen. Beide Sperren werden vom Hund problemlos unterlaufen, das Es allhier, die Totalisierung der Vermittlungsposition des Traums. Für den Träumer dementiert sich die erste Sperre, die nicht sperrt: Übergang Tiefschlaf-Traum unproblematisch durchlaufbar, was gar nicht sein kann. Ein Paradoxon, das sich aber wie folgt auflöst: Es ist dieser Übergang immer nur im Nachhinein feststellbar; man ist je diesseits dieser Sperre. So aber geht es zu schnell mit dem Erwachen, also muss diese Sperre, schon um überhaupt eine Sperre sein zu können, ein zweitesmal als nunmehr sperrende Sperre aufkommen. Hier droht nun eine Zwickmühle: Sperrt die Sperre nicht, so wäre nichts gewonnen; sperrt sie aber, so verschwindet der Hund und damit die Traumszene. Kompromisshaft dann die verzögerte Öffnung der verdrehten Erwachenssperre, die geradezu virtuose Hartnäckigkeit der Erwachenshinderung selber, hartnäckig noch im Nachgeben: Indem sie verkehrt herum öffnet, besagt sie, dass man nicht aus dem Traum heraus­, sondern jetzt erst hineingerät.

Ich treibe ihn die Treppe zum Bahngleis hinauf. Ein Kollege mit drei angeleinten Hunden grinst mich an und zerrt sie hinter mir ebenfalls die Treppe hoch.

Weitere Erwachensmetaphorik: das Hinauftreiben ans Tageslicht. Hier sitzen Hund und Traum in der Sackgasse, so dass der Kollege als Rückwendung eingeführt werden muss. Die Einlösung der verrückten Rechnung: Die Verdoppelung des Träumers – sich selbst zum Bild machen – als zwei halbe Träumer, durch das Grinsen zusammengehalten: Man kennt sich, man versteht sich, man hilft sich, ein Exkulpationsmotiv: „Das machen doch alle so.“ Geteilte Schuld ist halbe Schuld. (Später werden dann Schulden daraus.) Die Verdreifachung des Hundes zum Trio erzwingt und ermöglicht ihre Anleinung: Abwehr drohender Diffusion und Garantie traumfortschreibender disponierter Bewegung als Gezerre (was der Traum ja selber ist) in der Immanenz des Angeleintseins: So abgesichert, kann das Malheur der Zweckerreichung eintreten:

Ich sehe, wie der kleine Hund in einem Zug verschwindet, steige ebenfalls ein, wie auch hinter mir der Kollege. Er wechselt mit dem Zugschaffner dort, der nicht merkt, dass wir ihm die Hunde aufhalsen wollen, ein paar belanglose Worte. Der Zug fährt ab, und ich frage mich, wie wir rechtzeitig zurück in den Bahnhof kommen sollen.

Hundeschwund ins Zugvakuum, das den Träumer in den Zug nachzieht. Das Verschwinden des Hundes reicht offenbar nicht – zuvielzuwenig –, so dass Träumer und Kollege körperlich nachfolgend die Zugtür versperren müssen, damit aber selbst zu Gefangenen werden. Krisis Zuginneres, Kaserne und Bett auf Schienen, reinster Bildhorror der engen Metallröhre, die, durchlaufen, zum schnellen Erwachen im perspektivischen Nullpunkt führen muss, oder zur Stase im Einstiegsbereich verdammt. Letzteres ist, im Hervortritt des Zugschaffners als Kriegskonfrontation des vis-à-vis am Träumer vorbei zum Kollegen labil traumwahrend. Wie immer im Traum (und erfahrungsgemäß nur dort), so sind auch hier die Betrüger selber Betrogene: das infinite Beisichsein des Gedächtnisses wird im Mitfahren des Träumers und seines Doppelgängers zur Selbstidentifikation mit den Abgeschobenen: Philosophen sind – träumend – auch nur Hunde. Und die belanglosen Worte? Ihre Belanglosigkeit besteht exklusiv in ihrer schon im Traum vorgenommenen Überhörung, Verdeckung der traumatischen Herstellung der sonantisch produzierten Traummemorialität.

Der Zug hält an einem Wasserturm. Ich, der Kollege und andere Schaffner steigen aus und durchsuchen den Kohleschotter neben dem Gleis. Der Zug fährt inzwischen ab.

Das Traumgefährt muss genährt, neue Trauminhalte getankt werden. Die Gestaltungslosigkeit der Zugfahrt (nichts los im Traum, außer der Bewegung ohne Ziel) wird an die Gestaltlosigkeit des Wassers, des organlosen Körpers und weiter in den Turm abgetreten, der folgerichtig im Rücken des Träumers steht und nicht gesehen wird. (Der Träumer wusste nur, dass er da ist.) Wasser, abgehoben über der Erde (vom Tiefschlaf abgehobener Traum), von Blech (Schlafhüllenprothese) umhüllt: Selbstdarstellung (der ganze Wasserturm) der Selbstreferenzialität (die künstliche Simulation der Metall-Schlafhülle) des Traums. Kohleschotter – das Dejekt des ausgebrannten Zuges. Schon jetzt muss auf die vier Elemente verwiesen werden, die in der Schlussszene wichtig werden: In der Lokomotive wird Erde (Kohle) zu Feuer, das Wasser zu Luft (Dampf) transformiert, die den Zug antreibend als einzig Repräsentiertes den Erdenrest (Schotter) hinterlässt: Der Zug ist abgefahren.

Der Kollege erzählt mir, dass er mit einem der anderen Schaffner, der dazutritt, hier einst bei einer Wette ein Portemonnaie verloren habe. Wir suchen danach und ich finde es.

Der Schatz im Schotter: Gold im Exkrement – drohendes Traumende der pekuniären Pleite. Entsprechend muss es der Träumer sein, der das Portemonnaie findet und diese Schlafhülle des Geld-Mediums öffnet. Wunder des Findens-ohne-Erweckung. Schotter, Kohle, Geld – Betriebsmittel, Kapital, als könne man koprophagisch den Schotter noch einmal in der Lokomotive verheizen (eine Musikdarstellung: Koprophagie als Übergang des zweiten Todes der Eurydike zum Tod des Orpheus). Wir sind also an einer Vermittlungsstation par excellence ausgestiegen.

Was mag Inhalt der Wette gewesen sein? Soll die Frage nicht irrelevant sein, muss die Antwort auf die Geldsuche bezogen werden. Gewettet wurde, im Zustand der Präsenz, geträumt als Verlust des Mediums Geld, auf ihre Beendigung als Herstellung der Repräsentation, das heißt auf das Finden der Geldbörse. Es und Über-Ich – das ist dasselbe, zweigeteilt, deshalb auch keine Zuweisung zu den einzelnen Personen der Wette –, wetten, wer von ihnen die Börse finden wird. Der Träumer – psychoanalytisch das Ich, mit dem die anderen beiden nicht gerechnet haben –, durchschneidet als Finder die Wette. Deshalb hat der eine Kollege verloren, ohne dass der andere gewonnen hätte. Die Teilung – eigentlich müsste nun traumbeendender Streit entbrennen – löst das Problem, wobei wesentlich ist, dass es um nichts – ums Nichts – geht; die große Münze enträt des Tauschwerts, ist wertlos, ist nichtig:

Es sind drei ganz alte Fünfmarkstücke und mehrere Ein- und Zweimarkstücke darin. Ich nehme die Fünfmarkstücke und einige Einmarkstücke heraus und gebe den Rest dem Kollegen, der aber alles von mir haben will, da er damals die Wette verloren hatte und nun damit seine Schulden begleichen müsse. Ich argumentiere, dass die Fünfmarkstücke ohnehin wertlos seien (mit dem Hintergedanken, sie selber noch in Automaten verwenden zu können). Wir einigen uns darauf, dass jeder einen Teil bekommen soll; ich sichere mir zwei Fünfmarkstücke, den Rest teilen die beiden Kollegen unter sich.

Der Inhalt des Portemonnaies sogleich auf Verteilungsgerechtigkeit hin zusammengestellt. Freilich lädt die Entwertung des Fünfers zum traumgemäßen Betrug ein, indem die Differenz des Tauschs- vom Gebrauchswert ausgespielt werden soll. Deshalb ist hier auch keine Fetischisierung der alten Münzen, die numismatisch, bei kompletten Ausfall des Gebrauchs, jenseits des nominellen Werts Inbegriff des Tauschwerts wären, zu erkennen. Warum? Weil der Träumer so lange nicht warten/träumen kann, bis diese Münzen wertvoll werden. Die Insistenz auf den Gebrauch als Tauschwert, der betrügerischen Verwendung in Automaten, zitiert die Subsistenznot, die den Dauertraum unmöglich macht.

Einer These der empirischen Traum- und Schlafforschung zufolge, dienen Träume dem Zweck, das Gedächtnis von überflüssigen Informationsmüll zu befreien, Vergessen und somit auch Memoria herzustellen. Der Traumschlaf als psychische Entsprechung zur Verdauung, zu Magen und Darm. Die These ist ambivalent richtig, da zugleich die Irrelevanz von Trauminhalten und Deutungen mitbehauptet wird; sie entsprächen dem Exkrement. Die alten Münzen stehen für die veralteten und wertlosen Gedächtnisinhalte, die in der Rückführung zum automatisierten Tausch verbraucht, in der Funktion der Mechanik entsorgt werden sollen. Wobei die Verwendung in Automaten auf die Ähnlichkeit mit aktuellen Münzen setzt, also Selbstdarstellung der Simulatorik nebst ihrer dazugehörigen Abwertung ist. Der Traum träumt hier sein Nachleben im Wachen als täuschender Tausch der verworfenen Gedächtnisinhalte mit dem memorierten Traum. Was die Automaten hergeben, wäre – so müsste wohl die empirische Traum- und Schlafforschung votieren – ebenfalls belanglos, wertlos, Betrug am Betrüger. Tatsächlich ist die Frage, was in der Postmoderne als Bildungswissen im Gedächtnis behalten werden soll, und was nicht, problematisch geworden. Gedächtnisbildung, Lernen, war einmal für Mensch eine Angelegenheit von Leben und Tod. Die postmoderne Beliebigkeit hingegen verdankt sich der kompletten Versorgtheit eben durch die Automation, die als Rechenmaschine den Tauschwert selber verkörpert und somit der universalen Entwertung das rationale Wort redet. Ist alles medial (aus)tauschbar, so ist auch alles irrelevant; Wert wird zur verrückten Privation.

Kommerz – die (un)gerechte Teilung, als merkantile Pazifizierung. Wobei der Träumer leer, Anzahl (2) mal nomineller Wert (5) mal Tauschwert (0) gleich Null, ausgeht. Lässt man Fünfe gerade sein, also vier, ergibt sich als Zwischenwert die Acht als Darstellung der Normalschlafdauer. Dass der Träumer nur zwei von drei Fünfern bekommt, weist auf denselben Sachverhalt, dem Verhältnis der Schlafdauer zur Wachheit (1:2), die allein dem Träumersubjekt gehören soll. Die Null, gedoppelt, das wäre die Tiefschlaf-Spaltung, Welt und Subjekt (familiar der Mutter-Sohn-Inzest), ohne Medium dazwischen. Entsprechend droht nun trauminternes Einschlafen, nebst seiner phonetischen Verhinderung:

Wir können in einer Holzhütte übernachten und ich beschließe, bei diesen Leuten – einem Reparatur-Trupp – zu bleiben. Ich höre eine Erzählerstimme, wie in einem alten Dokumentarfilm.

Entsprechend der einkassierten Nullsumme vergeht das Traumbild eindunkelnd in die Erzählerstimme. Sie verheißt die Reparatur des beschädigten Traums, der sich, phonetisch re-pariert, bildlich wieder einstellt. Traum im Traum, oder besser: erneutes Erwachen in den Traum als Medienzitation, Inbegriff der revirginisierenden Reparatur, die psychotisierend als Aufrechterhaltung der Imaginarität diese vollendet: Das Imaginäre ist die Reparatur des Seins.

„Im Frühling wird das Wärterhaus zerlegt und neu zusammengesetzt. Das muss schnell geschehen, denn Frühling und Sommer sind hier kurz, und im Herbst rotten sich die Wölfe zusammen, da müssen alle Arbeiten beendet sein und die Tiere eingepfercht, dann kommt schon wieder der Winter.“

Zerlegung und Zusammensetzung der Schlafstätte, Analyse und Synthese des Traums:

→ verdichten→ zerlegen→ verschieben→ zusammensetzen→ verdichten→

Frühling (kurz)

Sommer (kurz)

Herbst (kurz?)

Winter (lang?)

- zerlegen
- (transportieren)
- zusammensetzen
- reparieren
- einpferchen
- zusammenrotten

Arbeiten (= Darstellung der Traumarbeit)

(Wartung) Warten

Erwachen in den REM-Schlaf

REM-Schlaf

Erwachen aus dem REM-Schlaf und erneutes Einschlafen

NREM-Schlaf

Hütte

schützt/kaserniert

Mensch

Mensch

schützt/kaserniert

Tiere

Wölfe

fressen

Tiere

(Distribution)

(Produktion)

(Konsumtion)

(Destruktion)

Konsumtion

Weiteres unbrauchbares Produkt: das Wärterhaus. Der Träumer weiß hier wohl nicht recht weiter – der Zug ist abgefahren –, er weiß seine Traumnot nicht einmal, und so muss sie ihm gesagt, die indirekte Order für den radikalen Frühjahrsputz – zerlegen und zusammensetzen – gegeben werden. Sich selbst benennt die Stimme in der Zitation der klangdarstellenden dunklen Jahreszeit. Winter – die Verlautungszeit, in der geschlafen, erzählt und musiziert wird und in der Pläne geschmiedet werden. Freilich sagt die Erzählerstimme alles über den Status der Verlautung im Traum: Zerstörung der Repräsentativität und deren Herstellung, das hybride Wesen der Verlautung, Fern­ und Nah­, beziehungsweise Binnensinn zugleich: die Stimme im Kopf, repräsentiert als äußere Film­/Erzählerstimme.

Jemand erzählt mir, dass es eine Qual sei, jedesmal auf die Strommasten klettern zu müssen, um die Zähler abzulesen, da müsse man was erfinden, um die Zähler nach unten zu verlegen.

Das ist auch eine Qual, jedesmal, wenn man schläft, wieder hinauf in die Wachheit klettern zu müssen, um den Energieverbrauch der Körperströme abzulesen, das heißt die Aufrechterhaltung des sterblichen Körpers zu besorgen. Da muss wirklich einer was erfinden, und Wissenschaft und Technik, die in dieser geträumten Umstellung von Dampf auf Elektrizität zitiert sind, arbeiten auch mit Hochdruck daran, um das Repräsentationsvermögen von dieser lastenden Arbeit zu befreien. Allemal verdankt sich die Verhinderung dieser Arbeit der Abwehr der sensuellen Rückaneignung des Stroms: Hinaufkletternd würde der Träumer eine gewischt bekommen. Somit ist das banale Problem der Verlegung der Zähler nach unten nur deshalb nicht lösbar, weil der Strom, und damit die Präsenz mitverlegt würde. Davon abgesehen neigt der Träumer zur Höhenangst, traut dem Klangabhub als Medium des Fliegens nicht so recht.

Ich entferne mich von dem Trupp und blicke zu den Stromleitungen am Himmel über mir. Da also muss einer raufklettern, um oben den Stromverbrauch abzulesen.

Hans-guck-in-die-Luft. Es ist wohl der frühe Abendhimmel, vor dem sich die Leitungen gerade noch abheben. Was passiert, wenn man im Traum den Kopf in den Nacken legt und nach oben schaut? Das Sehen gerät in eine Krise der vertikalen Augenverdrehung, die zur Stase zu führen droht, die traumerhaltende schnelle Augenbewegung fixiert. Zudem bietet der Himmel keine Sehobjekte, außer der Fluchtlinie des Strommastes und der Leitungen, zuwenig Bild. Schon auf den Spiegel bezogen, wäre der Blick in den Himmel ein Blick in einen Spiegel, der nicht spiegelt, der Träumer also spiegelbildlos: ein Vampir. Weiteres Krisis-Moment der Synchronisation zwischen Blick und Vestibularapparat, Höhenangst schon hier unten. Die geträumte Körperposition nähert sich im Aufblicken nicht ungefährlich der tatsächlich bevorzugten REM-Schlafposition des Träumers (auf dem Rücken liegend) an, Fusion mit der geträumten Landschaft, wegschlafend/erwachend, was den Traum beendete. Welche Anmaßung der Sterblichen aber auch, in das Schlafgemach der Absolutheit zu schauen. Was folgerichtig zu Gewissensbissen, der Selbstsanktion führen muss.

Ich blicke zu den Kollegen und erwarte einen Rüffel für meine Abwesenheit, aber der Boss ruft mich nicht.

Härteste Sanktion der Verweigerung derselben. „Und nun sieh mal zu, wie du aus dieser selbstgewählten Situation, deinen Spinnereien, wieder herauskommst“, so das hämische Schweigen der Sanktionsmacht.

Ich beschließe, etwas zu erfinden, um das Problem zu lösen.

Die rationalistische Rechtfertigung des schlafträumenden Tagträumers, diese voyeuristische Untat doch im Dienste der Arbeitsrationalisierung zu begehen, also die Kollegen von der nämlichen Untatbegehung zu befreien – bin ich nicht ein Wohltäter der arbeitenden Bevölkerung? (In Wahrheit, um nicht selber hinaufklettern zu müssen.) Der unendliche Himmel ist nämlich nichts für sie, sondern nur für Philosophen und Musiker – also für mich. (Deshalb auch, als Sanktionierung dessen, das Motiv der Höhenangst.) Traumgemäße Privatisierung der Absolutheit.

Man könnte einen Spiegel oben anbringen und dann mit einem Fernglas … Aber nein, dann muss man Spiegelschrift lesen können. Also doch den Zähler nach unten legen. Aber wie?

Hier der Beleg für die unterstellte Gottesanmaßung (freilich jeden Traums): Die Idee der Anbringung eines Spiegels hat nämlich zur Voraussetzung, dass der Zähler nur von oben, von den Himmlischen, abgelesen werden kann. Weshalb ist die Reflexivität des Spiegelbildes, das diese Verhältnisse nicht antastet, verworfen? Zweifache Untat: Die Reflexivität beseitigt den himmlischen Entzug der endlosen Bläue und verhindert das gedächtnisinterne Stimmenhören des Lesens der nicht entzifferbaren Spiegelschrift, da die einzelnen Ziffern als Bilder zwar sortiert, aber erst als akustische Imagination ihre Bedeutung, ihren Wert gewinnen. Ist

„Lektüre, Lesen, Auflesen, Ernten, Verzehren … nämlich nichts anderes als die Vernichtung des Sichtlichkeitskriteriums an Schrift zugunsten der (Wieder)Entnahme des Sprechens/Hörens darin als des die Unsichtbarkeit besetzenden Ursprungs der Sicht“ (Rudolf Heinz, Oedipus complex, Wien: Passagen 1991, S. 31)

so wäre hier genau die Untat der verkehrten Reflexion ihre Stummheit als Abwehr der Vernichtung der Sichtlichkeit. Der Träumer muss, seiner selbstgewählten Verlassenheit wegen, sich als gespiegelter Doppelgänger rückeinführen. Dem Reflexionsverhältnis zu den Anderen – ich werde gesehen, also bin ich – gegenübergestellt die Autonomisierung des Reflexionsverhältnisses zu sich im Dingdouble Spiegel – ich sehe mich, also bin ich. Sehe ich mich aber im Spiegel, so führt dieser Akt der Reflexion zur sonantischen Exekution der Imagination, dem Durchschauen des Traums als sein Ende. Wie werden Vampire getötet? Durch Tageslicht oder durch einen in das Herz gestoßenen Pflock. Das Fernglas (Fern-Seher!) zielt auf die Aufhebung dieser Kränkung als Heranholen des Bildes (versus Tageshimmel) bei gleichzeitiger Wahrung der Ferne (versus Pflock). Und nochmal, der Wichtigkeit der Sinnendifferenzierung von Bild und Ton: Das nahgeholte Bild bleibt, der Entfernung wegen, stumm. Ohne Ton (Ursprung der Sicht!) aber kein Bild und entsprechend muss der Klang sich als Sanktion dieser Nicht-Lösung anmahnen:

Ein Schuss schreckt mich hoch. Jemand ruft, es schieße jemand auf die Zähler. Ein Kollege öffnet die Tür einer Lärmdämpfungswand und lacht.

Im Knallen ist die Lösung dem Träumer weggenommen, die akustische Bestrafung freilich auch sofort gebannt: Statt der Sorge um die eigene Person, auf die geschossen wird, und sei es von der Stromleitung selbst, dreht des Träumers Es (Jemand) den Spieß traumsichernd um: Es sind die vermaledeiten Stromzähler, auf die geschossen wird. Es ruft Es schieße selbst auf die Zähler. Was das Über-Ich, den hämischen Kollegen, der den Übergang zwischen der Traumszene und dem Erwachen – der Tür in der Lärmdämpfungswand – besetzt hält, zu Erheiterungsstürmen veranlassen muss, da die Unlösbarkeit des Traumproblems, die aufgestaute Gewalt der Selbstreferenzialität, in sich, ins eigene Gedächtnis, eingeschlossen zu sein – dargestellt in der Selbstanmaßung des Träumers – über alle Köpfe hinweg geknallt hat. Wäre nämlich der Träumer erwacht, so wäre es nichts mehr mit dem hämischen Kollegen. Erleichterungslachen. Was nicht heißt, dass das Über-Ich nun sich bescheidet, vielmehr weiter hämt, als wäre es so autonom, wie es der dumme Träumer von sich selber wähnt.

Er ruft mir zu, ich solle mir das selber anschauen, es gebe keine Gefahr.

Ist nur ein Traum, also gibt’s auch keine Gefahr. Die Lärmdämpfungswand, als solche zugleich Sichtschutz und Projektions-/Reflexionsfläche, Bild, das den Ton dämpft und reflektiert, ist somit der Spiegel, durch den der Musiker, ihre Funktion widerlegend, gehen können müsste. Was Inhalt des „Schau dir das mal selber an“ ist: Probe aufs Exempel, ob der Träumer ein Orpheus ist, oder nicht.

Ich gehe um die Wand herum und sehe in der Ferne einen Holzfällertrupp mit großen Maschinen, deren Geräusche ich erst jetzt höre. Offenbar schluckte die Wand diese Geräusche und nur die stürzenden Bäume waren als Knall zu hören.

Holzfällertrupp, der dem Traum weitere Wege bahnt? Nur unter der Kondition des Schwunds der Szene: Die stürzenden Bäume, Verschiebung der Strommasten, exekutieren das Nach-unten-legen. Alle Kulturarbeit ist ein solches Kastrations­/Beseitigungsphänomen: der in den Dingen (mitnichten) untergegangene Ödipus-Komplex. Und auf der Ebene der Sonanz bannt das Maschinen-Geräusch als auf Dauer gestellter und abgemildeter Knall dessen Weckens-Gewalt, insistiert aber gleichwohl in seiner nervtötenden Dauer auf Weckung. Die Wand ist als Lärmdämpfung die bildhafte Scheidegrenze von Klang und Musik. Die Geräusche der Maschinen werden gedämpft (Tiefschlafverlautung ungehört), die durchgelassenen Knall-Einschnitte sind dann solche ins Gedächtnis – eben Musik. Somit wäre die weitere Umgebung der Traumszenerie die Tiefschlaflandschaft, Tiefschlafverlautung, repräsentiert als das Naturerhabene, inklusive dessen musikkonstitutive Zerstörung? Ja, aber nur für den Kollegen an der Türöffnung. Für den Träumer hingegen ist im Rückblick auf die gesamte schwindende Traumlandschaft diese das Erwachen. Vorher aber noch ein hartnäckiger letzter Traumrest.

Wieder fiel ein Baum um, aber hier war das Krachen nicht zu hören. Ich war traurig bei dem Gedanken, dass bald die Wälder gefällt wären und wir nicht mehr hier sein würden.

Opferstoff Baum, Substitut der ausgelassenen Weiblichkeit. Wobei der Anblick der somnial-ökologischen Katastrophe knallbannend erzwungen ist; so etwas will man doch nicht wirklich sehen (freilich, welch eine Ermäßigung: Knall statt Schrei und Abholzung statt Nymphenleichenschwund). Und dann sind die Bäume auch noch so fies, sich ganz in ihrer Opferrolle zu übertreffen: Stummes Leiden, der Ausfall des Krachens. Die gelingende Knallbannung schlägt um in die Fundamentalschuld des Träumers, Urheber all dessen zu sein, was wiederum gebannt wird als Schuldverschiebung der Trauer über die Untat der Holzfäller, nebst der Identifikation mit den Bäumen: „dass wir bald nicht mehr hier sein würden“. Aus Wald wird leere Fläche, Bedingung des Sehenkönnens, schließlich aber verschwindet in den letzten Bäumen das Traumbild mit. Besetzung des Schlafschwunds in der Wunscherfüllung, den Schwund selber zu sehen. Der übrigbleibende Rest, die Grünfläche muss allerdings mit verschwinden. Heruntergestimmte Opferung im Kleinen sozusagen, was dem Träumer die Möglichkeit gibt, seine Mitschuld einzuräumen (und so die Alleinschuld abzuwehren):

Ich sah am Flussufer zwischen den Gleisen, wie die Grasnarbe durch unsere Fußtritte aufgerissen war. Tagsüber wir, nachts die Wölfe, das hielt die Grasnarbe nicht aus. Immer mehr Sandlücken bestimmten das Uferbild.

Die Wölfe, Wiederkehr der verdrängten Hunde, sind als nächtliche Bedrohung des Schläfers der nachträgliche Vorausgang der Hundejagd. War schon die Verfolgung der Hunde Angstabwehr des Verfolgtseins, so ist diese Abwehrnot zugleich mit der Umkehr der Verfolgung erledigt: Nicht den Träumer verfolgen die Wölfe, sondern das Gras (was freilich der Träumer selber ist und zwar als vegetativer Tiefschläfer). Wölfe sind auch nur Menschen und umgekehrt und beide sind folglich als Schläfer vegetative Vegetarier.

Keineswegs verzichtet der Traum in dieser indifferenzierenden Schuldverteilung auf die lebensphilosophische Behauptung der Unschuldsposition der Natur, die in den Wölfen zwar an sich selber mitschuldig wird, aber gleichwohl in einer nicht angängigen Schuldhierarchie erscheint, wonach die Pflanzen die eigentlich unschuldig Autarken sind – in Wahrheit als unschuldige Hauptschuldträger die universale Resorption versehen, wohl der tiefere Grund der epikalyptischen Weltlosigkeit der Pflanzen –, Wölfe nachts, also wenigstens unbewusst, quasi somnambul, schuldig werden und Mensch schließlich als bewusster, rationaler Schmarotzer die ganze Last des Wissens der Opferbedingtheit des Daseins auf sich nehmen muss. Im Krieg der Menschheit gegen Wölfe und Bäume bleibt der Erde freilich auch keine andere Möglichkeit, als lebensphilosophisch konkretistisch genau an der Vermittlungsposition zu erkranken. Die Grasnarbe, Haut des Erdbodens, hat Wolf:

„Intertrigo (lat) f: ,Wolf’, Wundsein: entzündliche Rötung, Erosion, Mazeration im Bereich eng aneinanderliegender Hautflächen, bedingt durch Feuchtigkeit, Wärme, Reibung. Vorkommen besonders an Achselhöhlen, unter der Brust, Oberschenkel, Damm, Analgegend. Disposition durch Fettleibigkeit, Diabetes mellitus, stärkeres Schwitzen; oft Besiedlung der Wundflächen mit Bakterien oder Hefepilzen.“  (Zetkin/Schaldach, Wörterbuch der Medizin, Band 1, S. 1051)

Die entzündliche Rötung der erodierten, ausgelaugten Wundsandflächen als Schwund der Komplementärfarbe Grün, Schwund der geträumten Indifferenz von Innen (Blau) und Außen (Gelb). Rot, die erste Farbe, die in Träumen aufzutreten pflegt, ist folglich die Farbe der Differenz. Wenn nicht alles täuscht, so träumt der Schläfer hier den endogenen Weckreiz der eigenen kranken Haut, die als Jucken erwacht.

Wieder hörte ich die Erzählerstimme:

„Heute ist das alles vorbei. Ich erinnere mich nur noch, wenn ich mit der Kutsche hierherfahre, ans Flussufer, um all das hier zu sehen.“

Letzte Selbstbenennungen des Traums 1. als memorial retrogrades Phänomen der Traumerinnerung: alles vorbei, ich erinnere nur, 2. als antiquiertes Original jeder medialen Vermittlung (Kutsche), 3. als Universal-Gnosis. Die Kutsche leistet verräterisch (die beiden Fluß-Rinnsale stammen nämlich von den Kutschrädern) die (un)komplette Entschuldung des Träumers: Ich war es gar nicht, sondern der ganze Opfervorgang der Naturzerstörung ist nur ein Film aus fernster Vergangenheit, Dokument der ersten Industrialisierung, nochmaliges Verschlafen. Ich arbeite nicht selber, ich schaue nur (und lasse arbeiten). Zugleich in dieser Imaginarisierung die Identifizierung mit der Erzählerstimme: Was mache ich schon Schlimmes? Ich fahre doch nur Kutsche! Bio-/Öko-Mobilität. Und auch das nur zum Zwecke der frommen, traurigen Blick-Erinnerung an das Geopferte, nämlich den Schlaf. Als Entschuldungsfarce, Gegenleistung fürs Erwachen, träumt sich sich das perennierende Selbstopfer des Träumens.

Das Hauptproblem der Schlussszene ist die Indifferenz der Luft, des Himmelsäthers. Ohne es zu können, versucht der Traum diese Indifferenz zu besetzen. Feuer, Erde, Wasser. Bei Ausklammerung der zu besetzenden Luft ergeben die Kombinationen die Differenzreste der Traumlandschaft: Der Strom ist Feuer und im Knallen (auch der Bäume) Feuer und Wasser, die Masten vermitteln Feuer und Erde (in der Abstandswahrung zwischen beiden Elementen), die Grasnarbe ist Erde, die Sandflächen sind Erde und Wasser: Treibsand. Übrig, auch im Sinne einer Fortsetzung der Auflösung der Landschaft, bleibt Wasser, vorerst kanalisiert in den Rinnsalen/Prielen, die den Übergang von Wüste, der verwüsteten Landschaft, zum Meer markieren und sich schon in der sekundären Traumarbeit, der Aufzeichnung und Formulierung des Traums, zu Flüssen ausgeweitet haben. Nochmal: Übrig bleibt Wasser, die gestaltlos-indifferente Vermittlung zwischen Erde und Luft. Zwischen Luft und Wasser dann die Oberfläche der ausgeleerten Medialität. Wäre der Traum bis dahin gekommen, wäre der Träumer zum Delphin mutiert, zum schizophren wach-träumenden Psychotiker. Traum gänzlich ohne Inhalt – unvermeidlicherweise zugleich das Menschengeschäft des technisch-medialen Fortschritts, der Planierung aller Differenzen.
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Laurentiustränen Fäcker-Konstellation Eine Sache der Vernunft Ärger mit dem Erwachen Neurogermanistin