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Axel Schünemann

Thesen zur Finanzkrise 2008




Der Kapitalismus, wie überhaupt jede denkbare (und also auch jede wirkliche) Form menschlicher Ökonomie jenseits einer reinen Naturalwirtschaft, funktioniert nach dem Schneeballsystem, der verheißenen Verschiebung (und Verdichtung an anderem Ort) des Opferpreises: den Letzten beißen die Hunde/der Letzte zahlt die Zeche.

Schneeballsysteme funktionieren, solange genügend Menschen glauben, dass sie funktionieren. Es wäre – wegen der Zeitmarge zwischen Verheißung und (platzender) Erfüllung, die sogar die mehrfache (weil virtuelle) Konsumtion des selben Werts ermöglicht – nicht einmal reales Kapital zum Schneeballsystem nötig, solange der Glaube an das Funktionieren des Systems der Versprechungen den Versprechungen dieses Funktionierens folgt. Erst wenn die Dysfunktion konkret geschieht, ist der Glaube erschüttert. Die Dysfunktion aber geschieht erst, wenn der Glaube an die Funktion erschüttert und durch Glauben an die Aktualität der Dysfunktion ersetzt ist. Solange ich annehmen darf, dass das System nicht ausgerechnet bei mir kollabiert, kann ich daran teilnehmen. Deshalb funktionieren Schneeballsysteme selbst dann noch, wenn sie als solche durchschaut wurden, aber noch nicht erwartet wird, dass auch die Letzten es schon verstanden haben, dass sie die ersten sein werden, bei denen das System nicht mehr funktionieren wird.

Der Letzte, der, der die Zeche zahlt, ist der Konsument, abstrakt: der Konsumtionsvorgang.

Der Letzte ist der Erste: Am (mythischen) Anfang steht die Konsumtion, die Not, konsumieren zu müssen, der Gebrauchswert der zu tauschenden Dinge für die todesabwehrende körperliche Reproduktion. In diesem Sinn ist Konsumtion thanatologische Zweckursache der Ökonomie.

Die Konsumtion ist produzierte Zweckursache als ein allen Ebenen des Wirtschaftens inhärentes Moment: Produktion ist selbst auch eine Form von Konsumtion, Konsumtion nämlich des Opferstoffs der Natur und Konsumtion des Opfers der Arbeitskraft, die erst Natur dem Begriff nach schafft, indem sie das Widerspenstige, sich Entziehende (letztlich den eigenen Tod als nach außen projiziertes Totes), was Natur nur ist, stellt, be- und erarbeitet, in Konsumgüter, in Dinge, in Kultur verwandelt.


Der Handel hat an dieser Konsumtion insofern Anteil, als er die Produktion der Vermittlung leistet, gänzlich zur konsumierenden Produktion hinzugezählt werden muss. Im Tausch taxiert der Andere meine Ware und ich taxiere seine in Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage. Der Gebrauchswert, in seiner Todesparierung sich verbrauchend, soll damit intersubjektiv, durch den Anderen, als resultierender abstrakter Wert konserviert werden: als Tauschwert, der selbst wieder Objekt eines Tauschs sein kann. Durch diese Abstraktion wird das Unbezahlbare bezahlbar, die körperliche Reproduktion, die Abwehr des eigenen Todes, handelbar.


Die Vertrauenskrise ist eine objektivierte Krise realisierter Philosophie. Beginnt Philosophie mit dem Zweifel, aus dem dann die Sicherheit der eigenen Existenz abgeleitet wird (Descartes finanzphilosophisch lesen!), so bleibt das Wissen um die Bedrohtheit dieser Existenz und das Misstrauen, Aufklärung über den/die/das Andere(n), abgeleitet aus der Aufklärung über sich selbst. "Ohne Vertrauen geht es nicht" heißt dann: "Mit Philosophie geht es nicht."


Die Therapie der Krise, die vertrauensbildenden Maßnahmen des Staates, bestünde also demgemäß in einer Paralysierung der Paralysierung durch die medial-ökonomische Aufklärung, Vertrauensbildung durch die Androhung des größtmöglichen Desasters: dem Staatsbankrott, der deshalb nicht eintreten kann, weil er nicht eintreten darf.

Der Staat gibt ein Deckungsversprechen, das er im maximalen Schadensfall gar nicht halten kann und alle wissen das. Weil aber alle – Banken wie Bürger – wissen, wie schrecklich ein Staatsbankrott für sie selbst wäre, verhalten sich nun alle so, als drohte dieser nicht.

Alle wissen, dass der Staat das Geld, das er für den Schadensfall verspricht, gar nicht hat (und im Schadensfall auch nicht wird einnehmen können). Aber alle wissen auch, dass der Staat dieses Geld gar nicht haben muss, weil der Schadensfall ja deshalb nicht eintritt, weil der Staat dieses Versprechen abgegeben hat, dem also vertraut werden kann, weil der Staat nur schon durch dieses leere Versprechen sein Versprechen nicht wird einlösen müssen. Und dieses Gewusste ist dann dasjenige, was das Vertrauen tatsächlich wiederherstellt. (Da sage noch einer, die Vernunft sei vernünftig!) (Zumindest ist dies die Logik der in Verantwortung stehenden Politiker, gegen die kein ausgeführter Widerspruch medial durchzudringen scheint.)

Die Vertrauenskrise ist die über sich unaufgeklärte philosophische Aufklärung der aktuellen Haupttechnik unserer Zeit: der als Internet global vernetzten Computer. Der Computer ist die materielle Komponente des Mediums Internet, die Objekt-Komponente dieser gegenseitigen Vermittlung von Subjekt und Objekt, die sich als Vermittlung zwischen Subjekten ausgibt, als Vermittlung von Werten. Der im Computer gespeicherte und im Internet kursierende Inhalt ist die Subjekt-Komponente, Sinn, Bedeutung, freilich als digitaler Wert quantifiziert. In dieser Quantifizierung und Verdinglichung eines eigentlich Qualitativen/Subjektiven (= dem Gebrauchswert), besteht das vermittelnde Moment (= der Tauschwert). Erst der digitalisierte Wert ist wahrhaft global, mobil, kann als Additions- oder Subtraktionsbefehl in der vernetzten Welt des Internets verschickt und empfangen werden und zwar über die Grenzen der Geltung solcher Rechtssysteme hinaus, die das Funktionieren solcher Wertverschiebungen garantieren.

Insofern das Medium Internet zugleich Medium der Globalisierung und Medium des eben global vermittelten und vermittelnden Werts ist, ist es die Technik des Internets, unter deren Bedingung  die in den letzten zwei Jahrzehnten zyklisch eintretenden Finanz- und Vertrauenskrisen global kulminieren, und die die aktuelle Krise durch das, was ihr Ausmaß erst ermöglicht hat, zu reparieren versucht: kurzfristig durch Aufklärung und Verdeckung dieser Vermittlungs- und Verschuldungsfunktion und langfristig durch Steigerung der Globalisierung ihrer Effekte, durch Intensivierung der Vernetzung auf allen Ebenen. Die Quantifizierung der Qualität lässt nämlich diese elektronisch mobilisiert verschwinden und just dieses Moment der Materialisierung / Verdinglichung / Objektivierung eines Immateriellen / Abstrakten / Subjektiven führt zusammen mit der diese Verdinglichung begleitenden konträren Phantasmatik der Immaterialisierung des Materiellen als elektronische 'Second World' zur Krise.

Denn Vertrauen ist ein phantasmatisches Gebilde, sozusagen die reine Qualität, und die Krise demnach eine Krise der an allen Fronten mangels Vermittlung des Materiellen verschwindenden Qualität.

Selbstverständlich aber ist Vertrauen messbar, quantitativ darstellbar durch den Wert des anvertrauten Guts. Und nur wegen dieser Quantifizierung gibt es schließlich die Krise.

Die Krise erzählt von der Ablösung der alten Materialität des Geldes (als Münz- und Papiergeld) durch die neue elektronische Materialität, die aber auch Medium dieser Erzählung ist, so dass es zu einer rückkoppelnden Krisenverschärfung durch dieses und in diesem Medium kommt.

Dieses neue Medium wird jedoch nicht in seiner Materialität gesehen, sondern energetisch gedeutet.

Materie und Energie, hier also als altes und neues Medium des Werts, unterscheiden sich in folgenden phantasmatischen Zuschreibungen:

Materie:

tot

statisch

negentropisch

real

sicher

memorierend

Energie:

lebendig

dynamisch

entropisch

virtuell

unsicher

vergessend


Energie ist die Dialektik der Materie, das Internet die Dialektik des Papiergeldes, das Papiergeld die Dialektik des Goldes, das Gold die Dialektik der Naturalien, kurz: das Medium ist die Dialektik des Realen, das selbst aber schon medial, dialektisch, ist, und auch nur so, dialektisch, real sein kann.

Die berühmte Gleichung der Relativitätstheorie, E = mc2, bedeutet fiskalisch: der digitalisierte Wert leistet im Verhältnis zum alten Papiergeld eine mit dem Faktor der potenzierten Lichtgeschwindigkeit multiplizierte Realtime seiner eigenen Dynamik: das Geld kann in Echtzeit (ohne subjektive Zeitmarge) außer Landes verschwinden, ebenso schnell aber auch wieder herbeiströmen, also anderswo verschwinden, nur dass woanders im Krisenfall wieder hier ist, die Krise an anderem Ort zur Wiederkehr des Verdrängten, zur Rückkopplung in der Vernetzung (das aber nicht in Realtime!), tendiert.

Basiert die Finanzkrise objektiv auf dieser Hyper-Liquidität/-Mobilität des elektronisch verrechneten Werts, so ist der Motor der Krise, die entropiebegründende Vermittlungsenergie, das Bewusstsein dieses Sachverhalts, seine Aufklärung.

Das alte Geld war nur dann mobil, wenn es im Geldbeutel oder im gepanzertem Wagen von einem menschlichen Körper transportiert und einem anderen menschlichen Körper übergeben wurde. Das neue Geld ist mobil ohne diesen Körper. Aktien etwa können von Computerprogrammen selbstständig gehandelt werden, Kontodaten können sich durch automatisierte Befehle bewegen usw.

Diese Abwendung des Mediums Geld vom Körper bedingt das gesteigerte Sicherheitsbedürfnis. Zum einen ist es sicherer, das Geld nicht am Körper zu haben, Schutz gegen Überfälle, zum anderen will aber der elektronisch abgelegte, bzw. mobilisierte Wert in Rücksicht auf Darstellbarkeit überwacht sein, etwa als regelmäßige Überprüfung der Kontobewegungen. Auch versteht sich so der Wunsch breiter Bevölkerungskreise, Gold zu erwerben. (Ob dies, angesichts hoher Goldpreise, nicht eine relativ sichere Methode ist, dem verbrannten Kapital weitere Verluste nachzuschicken?) Man möchte den Wert zu Hause haben, konkret, materiell, freilich staatsimitierend nur als bloßes Symbol der Sicherheit: in so geringer Menge, dass die Sicherungsfunktion gar nicht erfüllt werden kann. Zuletzt ist der Tresor – ein aktuell sehr gut nachgefragtes Produkt – auch noch teurer als sein Inhalt.

Das Zuhausehaben des Goldes als symbolisch-magische Beschwörung der heiklen Mobilität des Werts ist das Resultat einer Krise, die von einer Umbewertung eben des Zuhauses ausgelöst wurde, einer Umbewertung einer gewissen Menge von Immobilien, die plötzlich (aber mit mehrjähriger Ansage) wegen ihrer unredlichen Finanzierung durch faule Kredite selbst wertlos sein sollen: dieses ist die Erzählung des Mediums der globalen Bewegung über die objektiv wertlose, weil eben nicht bewegbare Immobilität eines älteren, sehr alten Mediums. Die Immobilität der Immobilie besteht in ihrer geballten Materialität, die aber, weil Materialität der Angriffspunkt des Todes ist – wenn der Tornado kommt oder der mobile Wert abgezogen wird, kann die Immobilie nicht fliehen –, jederzeit als Unwert selber in Erscheinung treten kann: die Immobilie als immobile Leiche, Geisterstadt aus Goldgräberzeit. Der Wert einer Immobilie besteht nur darin, dass Wert aus den Subjekten, die sie besitzen wollen (ggf. um Wert aus anderen Subjekten, die sie ebenfalls besitzen wollen usw., zu saugen), gesogen werden kann: der Tauschwert als Vampir des Gebrauchswerts, in den er übergehen kann (im Gebrauch als Tauschobjekt). Hängt der Tauschwert von einem Gebrauchswert ab, der einerseits aus menschlicher Not heraus als hoch einzustufen ist und andererseits aber erhebliche weitere Bedürftigkeiten schafft (die Immobilie bedarf ihres Unterhalts und also eines teilimmobilen Körpers: einer gefestigten Einkommensstruktur, gesicherter Arbeitsplätze etc. ihrer Bewohner), also bedroht ist, so erklärt sich freilich die Tendenz zur Emanzipation des Tauschwerts, der dann aber selbstreferentiell dasselbe an sich selbst vollzieht, die Bedürftigkeiten nach Sicherung des Tauschwerts produziert.

Ist der rein quantitative Wert, der Tauschwert selbst, vom Schwund bedroht, so resultiert das Bedürfnis nach seiner Sicherung als ein vom Wert abstrahierter Wert des Werts: das Derivat.

Die Verunsicherung und das Misstrauen steigern sich durch den Versuch, Sicherheit und Vertrauen herzustellen: der thanatologische Teufelskreis des Werts, dem schlechthin nicht entronnen werden kann.

Es sind gerade die Finanzderivate, die als (zunächst einfache) Versicherungen des Werts zum wertbedrohenden Problem selbst werden, den Wert inflationieren. Derivate versichern den Wert gegen seinen drohenden Verlust: gegen Kursrisiken, Kreditrisiken, gegen Wechselkursrisiken oder auch nur dagegen, dass eine Ware durch schlechtes Wetter verdirbt. Diese Inflationierung der Sicherheit führt indessen zur Inflation des Werts und also zum Risiko.


Versicherungen sind letztlich Wetten auf mögliche Schadensfälle, Glücksspiele bzw. Unglücksspiele. Dieses Moment tritt besonders deutlich hervor, wenn, wie es bei Optionen und Leerverkäufen der Fall ist, eine Anlage versichert wird, die weder der Anleger noch der Anbieter besitzt.

Wie bei jeder Wette, bei jedem Glücksspiel, gewinnt statistisch immer die Bank und wenn nicht, gewinnt sie trotzdem: denn natürlich ist die Bank bei einer anderen rückversichert …

Das Risiko der Bank wird schließlich über dieses Versicherungssystem mit allen ihren Konkurrenten geteilt (nicht nur als Einlagensicherungsfond, sondern überhaupt) und so als totalisiertes Risiko eines Gesamtkollapses auf das System verschoben. Die einzelnen Risiken einzelner Anleger schließen sich mittels dieses Systems gegenseitiger Absicherungen solidarisch zum Risiko des ganzen Systems global zusammen. Somit gibt es aber keine lokalen Krisen mehr, nur noch globale und nur noch Krisen dieser innerkapitalistischen Solidarität der Banken und Versicherungen. (Solidarität demnach ein hilfloser Versuch, Untergang und Tod durch Aufteilung, durch Sozialisation von Untergang und Tod, zu differieren.)

Gegen diese Sozialisierung von Geschäftsrisiken zu polemisieren, heißt: gegen Versicherungen überhaupt zu polemisieren. Das wird aber nicht zugegeben. Stattdessen werden Unterscheidungen gemacht: Man unterscheidet die allgemein affirmierte Realwirtschaft von der beargwöhnten, unter dem Verdacht der Virtualität und des Selbstbezugs stehenden Finanzwirtschaft. Innerhalb der Realwirtschaft unterscheidet man zwischen guten (ressourcenschonenden, qualitativ hochwertigen, fair produzierten und gehandelten) und schlechten (ressourcenverschwendenden, qualitativ minderwertigen, in Kinderarbeit oder unterbezahlt gefertigten und unfair gehandelten) Produkten und innerhalb der Finanzwirtschaft seriöse, sichere Anlagen von unseriösen, risikoreichen. Als unseriös gelten mindestens solche, die eine Rendite weit oberhalb des allgemeinen Inflationsniveaus plus der aus dem technischen Fortschritt sich ergebenden Produktivitätssteigerung versprechen (wobei aber der Opferpreis dieser Steigerung nie miteinberechnet wird, aber werden müsste).

Die Kriterien dieser moralisierenden Einteilung bilden innerhalb des Finanzsektors mit dem Tauschwert einen Chiasmus: schlecht und unseriös ist, was institutionelle Investoren reicher macht (insofern die Rendite hier tatsächlich über der Inflationsquote plus Produktivitätssteigerung liegt, jedenfalls in aller Regel), gut ist, was Klein(st)anleger ärmer macht (bei denen die Rendite entweder immer zu niedrig ist und/oder das Risiko als solches nicht zur Darstellung gebracht wird, sondern sich direkt realisiert). Die quantitativ hohe Rendite kann in Bezug auf das System als qualitativ schlecht gelten und der quantitativ niedrige Wert entsprechend als qualitativ gut. Das gute Gewissen, die Verdeckung der eigenen Involviertheit in das Schlechte, ist selbst ein Produkt, sein Preis ist die geringe Rendite, deren Billigkonkurrenz die weihnachtliche Spende. Das angeblich Seriöse der genügsamen Rendite besteht aber exklusiv in der bloßen Verdeckung des Risikos: selbst nämlich zum Opfer zu werden. Die geringe Rendite verheißt gewährlos, nicht alles der Befriedigung der Gier der Anleger zu opfern und deshalb auch die Anleger selbst nicht der nämlichen Gier (der Gier der Anlageberater) zu opfern.

Selbstverständlich gibt es auch die Umkehrung der Verhältnisse, freilich in deren Immanenz: das Ausplündern der Institution scheinbar zu Gunsten der Kleinanleger, typischerweise im Umfeld der staatlichen Institutionen angesiedelt. Die Zeche zahlen die Kleinanleger gleich doppelt: direkt und in ihrer Funktion als Steuerzahler.

Eine weitere Unterscheidung war passager die in systemrelevante und nicht systemrelevante Banken, Banken, deren Insolvenz andere Banken mit in den Untergang ziehen würde und Banken, deren Insolvenz keine weiteren Folgen für das System hätte. Die nächste Stufe solcher Differenzierung, die Systemrelevanz von Staaten, deutet sich bereits an: Ist zum Beispiel Island für die Weltwirtschaft systemrelevant? Zöge ein isländischer Staatsbankrott andere Staaten mit in den fiskalischen Abgrund? Zum Vergleich: Pakistan ist eine Atommacht und Frontstaat im "Krieg gegen den Terror" und deshalb bekommt Pakistan relativ unkompliziert die benötigten Milliardenkredite. Auch hier liegt ein Chiasmus vor: Systemrelevanz verweist auf Vernetzung, Vernetzung verweist auf Sicherheitsbedürfnisse und diese auf Risikobereitschaft. Das Wissen um die eigene Relevanz befördert die Gier und die Gier die eigene Relevanz. War Island, waren die isländischen Banken nicht gierig genug, um relevant zu sein? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Krise in Island tatsächlich einer solchen Gier zuarbeitet? Denn Islands geothermische Ressourcen haben das Interesse globaler Investoren geweckt und die lokalen Widerstände gegen die radikale Ausbeutung dieser Ressourcen werden es, der Krise sei (Un)Dank, langfristig kaum leichter haben, sich durchzusetzen.

Die Unterscheidung in relevante und irrelevante Bankrotte, sei es einer Bank, sei es eines Staates, wird dann aufgegeben, wenn das System im Ganzen sich am repräsentierten Teil, der dann auch nicht systemrelevant sein muss, in Frage gestellt sieht. Die Relevanz oder Irrelevanz des Teils besteht auch nur darin, dass das System im Ganzen für tabu erklärt wird. Tabu ist die Selbsterkenntnis der erpressten Vernunft, die mittels der Unterscheidung in gute und schlechte Wirtschaft die opferbasierte Realwirtschaft und somit die eigene und davon abhängige Existenz vor der Frage, ob dieses denn auch die notwendigen Opfer wert ist, in Schutz nimmt. "Wert", das ist gar nichts anderes als die Bejahung dieser Frage (selbst noch im Fall des extremen Unwerts im Suizid, der nur eine radikale Bejahung, Komplettopfer von Selbst und dem Anderen seiner selbst, darstellt: die phantasmatische Schuldtilgung des Subjekts ist diesem Alles wert). Dass das System seinen Untergang verdient hat, mag im Bewusstsein der eigenen Abhängigkeit vom System wohl keiner zugeben.

Alternativen? Diese werden zwischen den Krisen erprobt, als diachrone finanzdarwinistische Selektion internationaler Wirtschaftspolitik. "Wir sind nicht mehr so dumm, wie 1929", heißt es. Eher noch dümmer, möchte man hinzufügen, denn die Reparaturen am System verschlimmern nur die nächste Krise. Das ist jedoch fehlerhaft gedacht, denn die Verschlimmerung ist nicht Effekt der Reparatur, sondern, wie diese, Effekt des jeweiligen Stands der Technik, aktuell in dieser Millenniumszeit also, wie gesagt, des Internets.

Von der Immobilien- über die Finanz- zur Autokrise: Die Krise des mobilen Werts trägt freilich als ein destruktiv-produktives Moment zur Wahrnehmung des Veralteten älterer Medien bei, aktuell des bisherigen Leitmediums der Mobilität: des Automobils. Zwar wird das Auto auch weiterhin ein Statussymbol sein, seine große Zeit als das unstrittige Fetischobjekt schlechthin ist aber vorbei. (Was keine Prognose über das künftige Quantum der produzierten, verkauften und betriebenen Fahrzeuge ist.) So deutet die "Abwrackprämie", die jeden Gebrauchtwagen zum Wrack erklärt (auf dem Weg zum Einwegauto?), auf eine Modifizierung des Fetischcharakters des Autos hin: Nicht mehr das einzelne Auto ist der Fetisch, sondern die Serialität des neuesten Modells als Repräsentation der finanziellen Potenz, stets zur Avantgarde des aktuellen Trends zu gehören. Will sagen: der Fetisch ist nicht (mehr) Fetisch des Subjekts für sich, sondern um der Anderen willen. Der Begriff des Fetischs verwandelt sich in seine Pluralisierung, sowohl auf der Seite des Subjekts wie auf der des Objekts. – Der allgemein erhobene Vorwurf an das Medium Auto zielt auf den Opferpreis seines Betriebs, den Energieverbrauch und die CO2-Emissionen. Dieser Vorwurf hat auf die besagte Modifizierung hin eine fördernde Wirkung: der kritisierte Verbrauch als Attribut der ökonomischen Elite, des Sich-leisten-Könnens. Der kaum schon offen formulierte fetischkritische Vorwurf hingegen, freilich tangiert auch er die Eliten nicht, zielt auf die rückschrittliche Opferprämie: Das Automobil ist nicht mobil genug. Zumeist steht es, wie ein totes Ding, das es ist und doch gar nicht ist, in der Garage, auf Parkplätzen oder gar am Straßenrand, wo sonst der Abfall auf seine Abholung wartet. Seine Mobilität ist die des sterblichkeitsanmahnenden Körpers (weshalb das Autofahren nichts von seiner todesmagischen Attraktivität verlieren wird, deviante Formen des Fahrens eher noch zunehmen werden, auf den alten Fetischbegriff hin wiederum ein konservatives Moment). Das Internet jedoch ist allzeit schneller und seine Mobilität ist die des immobilen (aber dialektisch immobilen!), sich selbst in diesem Medienkonsum als Immaterielles missverstehenden Subjekts, dessen Körper aber gegen diese seine (nicht bloß phantasmatische) Abschaffung im Dienste derselben randaliert: man denke etwa an die protestierenden Jugendlichen, weiland in Paris und in Griechenland, deren Wut sich in ihrer medialen Vermittlung kaum zufällig an Autos abreagierte.

Die Technik aber ist das einzig Reale, Tod und Leben des Subjekts.

So wäre zu erwägen, ob etwa die Forderungen nach einer Erhöhung des Eigenkapitals der Banken oder nach einer strikt antizyklischen Leitzinspolitik letztlich nur ein Verdrängen des Wissens der todestrieblichen Basierung von Ökonomie darstellt. Ob nun Anleger, die von ihrer Anlage die Generierung eines Mehrwerts erwarten, sich im Klaren darüber sind, dass ihr Gewinn Verlust an anderer Stelle bedeutet – und Win-win-Situationen sind gar nichts anderes als Verschiebungen des Opferpreises zu verdeckten dritten Positionen hin –, spielt für die Objektivität dessen keine Rolle. Die falsche, weil zyklenverstärkende Zinspolitik der letzten zehn Jahre kommt dem thanatologischen Unbewussten der Ökonomie, das Leben der einen auf Kosten anderer zu verlängern, allen so produzierten Rissen, durch die die beteiligten und betroffenen Subjekte für einen Moment des Wesens der Ökonomie medial inne werden, zum Trotz, gerade dadurch zugute, dass eine kontraproduktive Vollständigkeit der Differierung dieses Wissens abgewehrt wird. Man hat für das Übel einen isolierten Grund. So tragen die über sich aufklärenden Achterbahnfahrten der Börsen zu einer zynischen Selbstexkulpation des einzelnen Subjekts als Totalbeschuldung des Systems bei und deshalb sind diese katastrophischen Phasen von Boom und Sturz nicht einfach nur dysfunktional. Sie verheißen betrügerisch und in aller Offenheit ihres betrügerischen Wesens dem Verlierer, beim nächsten Mal Gewinner sein zu können.


Was bleibt nun einer Philosophie, die sich in ihrer Realisierung als Kritik ohne Alternative in der Vertrauenskrise vor sich erblickt, überhaupt noch zu denken? Einerseits dieses. Was aber ist andererseits dann noch ihre gesellschaftliche Funktion? Hat sie, jenseits einer Witz-Drogierung der Philosophen, dem bösen hegelschen Joke, dass alles Wirkliche auch vernünftig sei, noch irgendeine Relevanz? Oder bleibt ihr nur – aber was heißt hier schon "nur"? – die Therapie der Subjekte, die zynisch-tröstliche Vermittlung der Einsicht, dass das Leben auf Opferung basiert und die Ökonomie diese vollzieht? Müsste sie, wenn sie sich selbst erkennt in den globalen Katastrophen der bloß begehrten Transformation existenzialer Schuld in bloße Schulden, der Transformation der Erkenntnis, dass die Existenz anderen und einmal auch einem selbst das Leben kostet/kosten wird, in die dumme Vorstellung, dass die Existenz bloß Geld kostet, nicht verstummen? Eine rhetorische, mit Nein zu beantwortende Frage, denn das Verstummen der Philosophie affirmiert ihre institutionelle Paralysierung durch die Zerschlagung in dummschwätzige verwissenschaftlichte Teildisziplinen, in denen die Selbstreflexion keinen Ort mehr finden kann, die Reflexion auf das Falsche, Böse, Hässliche – das Falsche, Böse, Hässliche des Wahren, Guten, Schönen selbst – undenkbar ist, in denen unabgeleitete Wertkalibrierungen, Schubladendenken, ein Denken der Bedingungen solchen kategorialen Denkens ersetzen. Die institutionalisierte Selbstabschaffung der Philosophie ist aber nur die Rückseite ihrer fatalen Realisierung in Ökonomie und Technik.

So Philosophie auf ihre gesellschaftliche Relevanz beharren will – und die Freiheit, das gar nicht wollen zu müssen, ist dem vorausgesetzt –, hätte sie sich, nicht nur, aber immer auch, wie kriegswissenschaftlich den Strategien und Taktiken ihrer nicht nur von außen herangetragenen Paralysierung, ihrer ureigenen Dialektik, zu widmen. Die kollektive humane Welt- und Selbstzerstörung kann von Philosophie weder verhindert noch aufgehalten werden, denn Verhindern und Aufhalten geschieht stets nur reaktiv auf die vorausgesetzte Zerstörung, gehört in die Immanenz der globalen Dialektik der Gattung. Die Krise ist nicht ein negatives Funktionselement einer doch guten Marktwirtschaft, zu der nach einer Bauchlandung des gierigen Kapitalismus zurückgekehrt wird, sondern der Markt (und die soziale Marktwirtschaft ebenso) ist ein Funktionselement der kapitalistischen Krise, Einläutung der nächsten Betrugsrunde.

Hilflos wurde versucht, die Krise zu erkennen. Die Hilflosigkeit ist aber nicht Hilflosigkeit an sich, Unvermögen des Denkenden (im Zweifel das auch), sondern Hilflosigkeit angesichts der Not des todestrieblich zu parierenden gewussten Todes, sowohl des Einzelnen als auch der Gattung.

Was ist die Krise? Es ist die Krise eines Erkennens und also die Krise der Philosophie. Erkannt wird – durch die Krise und als die Krise selbst – das Wesen des die Krise bedingenden Mediums: die Immaterialisierung, die Transformation von Realem in Virtuelles, in die heikle und von der ältesten abendländischen Philosophie, der eleatischen, verworfene Mischung von Seiendem und Nichts, der Wert als diese Transformation (nebst den dialektischen Umschlägen) selbst. Die Krise und das Management der Krise sind der Versuch, noch einmal das Reale vor seiner Immaterialisierung, vor seiner Auflösung in einen virtuellen Wert, zu retten. Diese Rettung aber, wie alle Rettung je immer nur sein kann, ist nichts anderes als die besagte Immaterialisierung selber, der Todestrieb als Motor der menschlichen Ökonomie.

(geschrieben: 11/2008, redigiert: 6/2009)



Weiterführende Literatur neueren Datums (alle aber vor der Krise):

Christoph Weismüller, Das Humane der Globalisierung. Zur Objektivität von Narzißmus, Ödipuskomplex und Todestrieb, Düsseldorf: Peras Verlag 2004.

Christoph Weismüller/André Karger (Hg.), Gewalt und Globalisierung. Düsseldorf: Peras Verlag 2004. Mit Beiträgen von: Claus-Artur Scheier, Daniel Strassberg, Hans-Martin Schönherr-Mann, Enrik Lauer, Rudolf Heinz, André Karger, Vittoria Borsò, Christoph Weismüller und Heide Heinz.

Christoph Weismüller/André Karger (Hg.), Gewalt und Globalisierung 2. Düsseldorf: Peras Verlag 2006. Mit Beiträgen von: Ellen Harlizius-Klück, Hans-Martin Schönherr-Mann, Enrik Lauer, André Karger, Christoph Weismüller, Rudolf Heinz, Ralf Bohn und Axel Schünemann.

Rudolf Heinz/Jochen Hörisch (Hg.), Geld und Geltung. Zu Alfred Sohn-Rethels soziologischer Erkenntnistheorie, Würzburg: Königshausen & Neumann 2006. Mit Beiträgen von: Jochen Hörisch, Oskar Negt, Rüdiger Hentschel, Carl Freytag, Eske Bockelmann, Michael Franz, Lorenz Wilkens, Christoph Weismüller und Rudolf Heinz.

 
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